Nachts in Neubrandenburg

Da sieht es in der Innenstadt auf den ersten Blick also aus wie in einer am Reißbrett geplanten amerikanischen Metropole, so hübsch rechtwinklig sind da die orange ausgeleuchteten Straßen anzusehen. Dann sieht man näher hin und bemerkt, dass kaum Autos und Menschen unterwegs sind und da so eine uralte, wunderschöne Kirche mitten in der Stadt steht und fast daneben ein futuristischer, neonweiß ausgeleuchteter zentraler Platz mit dem einzigen Hochhäuschen weit und breit und drumherum ein riesiger Kreisverkehr, auf dem ebenfalls kaum noch jemand fährt; und dann weiß man gleich: This is not America.

Video: Euroluftbild

In der elften Etage

Der Junge, der verschlafen die Tür öffnet und sich nebst seinem Fahrrad in den Morgen hinausschiebt, dürfte es nicht mehr pünktlich zur Schule schaffen. Oder hat er Ausfall? Im Vorflur Dutzende Briefkästen, einige mit einem verblichenen „Bitte keine Werbung!“-Aufkleber. Elfter Stock, da ist es, obwohl der Nachname am Telefon nicht ganz genau zu verstehen war.

Ein alter Mann kommt um die Ecke, und sein Gesicht verfinstert sich. Ein Fremder, der die Briefkastennamen studiert, das kann nichts Gutes bedeuten. Hätte er nicht schon spürbar dem Klaren zugesprochen, hätte es vielleicht zu einem unfreundlich herausgerotzten „Nawattsuhchtadenn?!“ gereicht, so bleibt es bei glasig-kritischen „Ich beobachte dich genau, Freundchen!“-Blicken.

Die Papiertüte ist bis obenhin voll mit Kinderwinterjacken. Die Zeit im Fahrstuhl nutzt der Verkäufer mit sentimentalen Erinnerungen an Schneeballschlachten, Schlittenfahrten und frostigrote Kinderwangen. In der obersten Etage geht die Tür auf, und es riecht nicht gut. Das letzte Mal, als der Verkäufer so einen Gestank in dieser Penetranz erfahren durfte, hatte er eine Altenpflegerin einen Tag lang bei ihrer Tour durch gottverlassene pommersche Dörfer zu alten, einsamen Dorfmenschen begleitet.

Sechs Wohnungen, doch es gibt keine Klingelschilder. Allerdings hat er sich die Wohnungsnummer gemerkt und drückt auf den Knopf. Nichts zu hören, doch nach ein paar Sekunden hört er Schritte, und die Tür öffnet sich. Er telefoniert auf arabisch, nickt dem Verkäufer kurz zu und streut ein „Moment, bitte“ in seine etwas aufgeregte Stimme. Dann geht die Tür wieder zu, dahinter schwillt der Wortstrom hörbar an, davor steht einer, der gebrauchte Jacken über Ebay-Kleinanzeigen verkauft hat.

Tür wieder auf, „Entschuldigung“ und „bitte reinkommen“, eine kurze Geste, doch bitte die Schuhe auszuziehen. Drinnen ein großes Durchatmen, die Quelle des Flurgestanks muss sich in einer anderen Wohnung befinden. Doch hier riecht es gut, die helle Auslegware muss gerade gesaugt worden sein, im Kinderzimmer sind die Betten gemacht, aus der Küche duftet es nach frisch aufgebrühtem Tee.

Ein kleiner Junge pest heran und lässt den Besuch fortan kaum einen Moment aus seinen großen Augen. Der Käufer bittet ins Wohnzimmer, wo schon eine Frau mit Kopftuch in einem langen, hellen Kleid wartet. Mitten in der kleinen Anbauwand thront ein großer Fernseher, es läuft das Morgenmagazin. Da steht noch eine kleine Truhe in dem Zimmer, ein Tischchen und ein Sofa, auf das sich der Verkäufer setzen soll.

Der Käufer übergibt zuerst den ausgemachten Geldbetrag und checkt dann die Ware, spricht dabei mit seiner Frau und hat immer ein halbes Auge auf seinen Jungen. Der holt sofort einen Ball aus der Plastekinderschatztruhe und wirft ihn herausfordernd in die Richtung des Verkäufers. Der wirft zurück und bekommt sogleich mit einem hingenuschelten „Alles okay. Vielen Dank!“ sein Aufbruchssignal zu hören.

Gern hätte er noch kurz mit dem Mädchen gesprochen, das am Tag zuvor den Deal am Telefon nahezu akzentfrei in die Wege geleitet hatte. Doch die dürfte jetzt gerade in irgendeiner Grundschule sitzen, denkt er, während er seine Schuhe wieder anzieht. Dann noch einmal kurz nicht durch die Nase einatmen, bis der Fahrstuhl endlich da ist.

Unten hat es der alte Mann gerade mal bis zur nächsten Straßenecke geschafft. Dort steht er, leicht an ein Straßenschild gelehnt, und sieht den Verkäufer mit versteinerter Miene an. Der überlegt schon, ob er den Mann ansprechen soll und worüber er sich wohl so ärgern mag, als er bemerkt, dass der Blick des Mannes nicht ihm gilt, sondern knapp an ihm vorbei auf ein nahes Gebüsch zielt. Das wird für ihn wohl kein guter Tag werden.

Als Hansa gegen Barca spielte und das Stadion nur zu einem Drittel voll war

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An jenem Tag vor 26 Jahren, an dem Barcelona an die Ostsee kam, sah ich nicht nur mein erstes Europapokalspiel, sondern lernte auch etwas über die Marktwirtschaft.

Erste Runde im 37. und letzten Wettbewerb der europäischen Landesmeister, der letzte DDR-Meister Hansa Rostock wird Barca zugelost. Im Camp Nou verliert Hansa klar mit 0:3, das sportliche Interesse am Rückspiel gegen den späteren Pokalsieger hält sich also in Grenzen. Zubizarreta, Guardiola, Koeman, Eusebio, Stoitschkow und Laudrup würden das schon schaukeln, da waren sich alle einig. Aber dennoch: BARCELONA! Es war 1991, die deutsche Einheit war 364 Tage alt, und alles, was damit zusammenhing, war noch so neu und aufregend und bunt und laut und duftend und unbedingt erstrebenswert – erst recht, wenn man 14 Jahre alt war und durch eine verdammt glückliche Fügung der Geschichte eine Eintrittskarte für dieses Spiel angeboten bekam.

So lief also ein aufgeregter Teenager am 2. Oktober 1991 mit einer guten Freundin seiner Mutter (Danke nochmal, Sylvie!) durchs Rostocker Hansaviertel, um den Freund der Freundin zu treffen. Der Mann, der gute Verbindungen zu Hansa hatte, wartete schon ungeduldig auf den Treppen irgendeines riesigen konspirativen Gebäudes, um hastig die Bekannte zu drücken und uns die Karten zu geben. Plötzlich direkt auf dem Grat zwischen Halblegalität und Klüngelwirtschaft wandernd bedankte ich mich artig und wollte gerne noch etwas sagen zu diesem unglaublichen Wahnsinn, den das ganze Land in diesen Zeiten ja gerne immer wieder gesondert betonte und der es machte, dass ein spanischer Weltverein gleich vor meinen Augen Fußball spielen würde und der auch dafür verantwortlich zeichnen dürfte, dass gerade ich dieses Ticket zu allem Überfluss auch noch geschenkt bekam und dass … aber da war der Mann dann auch schon wieder weg.

Und ich sah mir die Karte genauer an und bekam einen Schreck. „60 DM“. Sechzig! WESTMARK!!! Und ich hatte das eben gerade geschenkt bekommen. Erst lange Zeit später habe ich eine Verbindung herstellen können zwischen dem Preisschock, den ich auf dem Weg ins Ostseestadion erst mal langsam verdauen musste und dem Bild, das sich mir schließlich im Stadion bot. Wo waren all die Leute hin? Na klar doch, dachte ich erst, bis zum Anpfiff sind die alle wieder … aber nein, da kamen keine mehr: Das damals 25.000 Zuschauer fassende Ostseestadion war nur spärlich gefüllt. „Hey, freust du dich gar nicht?“, fragte die Freundin, und ich behalf mir mit irgendeiner halben Notlüge, denn natürlich freute ich mich, so wie sich ein Norddeutscher eben gerade so zu freuen vermag; aber sah sie denn nicht diese Unwucht, dieses surreal nicht mal halbvolle Stadion, wenn Hansa Rostock im Europapokal gegen Barcelona spielt?

Es war eine ganz einfache Rechnung. Preise von 40 bis 100 D-Mark (üblich waren hier sonst 15 bis 40) hielten die Menschen in und um Rostock davon ab, sich dieses Fußballspiel – das zumal vom ZDF live übertragen wurde – vor Ort im Stadion anzusehen. Seit der Währungsunion waren erst einige Monate ins Land gegangen, die Menschen hatten Autos, Küchen, Reisen und Fernseher gekauft, und schließlich war nicht mehr so sehr viel übrig für ein sportlich nahezu aussichtsloses Erstrundenrückspiel im Fußball-Europapokal. Am Spieltag machte die Vereinsführung zwar noch eine Rolle rückwärts und bot die Tickets um die Hälfte billiger an, aber da war es schon zu spät: Das bis heute sportlich größte Heimspiel der Vereinsgeschichte des FC Hansa Rostock fand vor gerade mal 8500 und also 400 Zuschauern weniger statt als die jüngste Drittligapartie gegen den VfR Aalen (1:0).

Das Spiel selbst war ein großer Spaß, die Rostocker mit Olaf Bodden, Juri Schlünz, Jens Wahl und Florian Weichert machten von den typischen Oberliga-Fußball-Fanfaren und „Ich bin stolz, ein ,Ossi‘ zu sein“-Transparenten unterstützt ordentlich Dampf und gewannen schließlich durch einen formidablen Flugkopfball von Uwe Spies verdient mit 1:0. Die von Johan Cruyff trainierten Katalanen kickten noch den 1. FC Kaiserslautern aus dem Wettbewerb und gewann schließlich das Finale gegen Sampdoria Genua. Hansa hingegen spielte eine legendäre erste Bundesliga-Saison und stieg am Ende nichtsdestotrotz in die 2. Liga ab. Und dieses Video hier zeigt nicht nur das komplette Spiel mitsamt dem sonoren Kommentar von Günter-Peter Ploog, sondern auch ein Fernsehfußballspiel ohne Dauereinblendung von Teams und Spielzeit, mit Hansa-Trainer Uwe Reinders featuring New-Yorker-Basecap sowie unfassbar unkleidsamen Barca-Auswärtstrikots.

Was „Freiheit“ bedeutet

Der September ist bald vorbei, und damit auch der #SepteMeer. Und deshalb nach dem hier noch das:

»Die Freiheit?« fragte sie.

»Nun ja, die Freiheit, wissen Sie, die Freiheit . . .!« wiederholte er, indem er eine vage, ein wenig linkische aber begeisterte Armbewegung hinaus, hinunter, über die See hin vollführte,und zwar nicht nach jener Seite, wo die mecklenburgische Küste die Bucht beschränkte, sondern dorthin, wo das Meer offen war, wo es sich in immer schmaler werdenden grünen, blauen, gelben und grauen Streifen leicht gekräuselt, großartig und unabsehbar dem verwischten Horizont entgegendehnte …

Tony folgte mit den Augen der Richtung seiner Hand; und während nicht viel fehlte, daß Beider Hände, die neben einander auf der rauhen Holzbank lagen, sich vereinigten, blickten sie gemeinsam in die selbe Ferne. Sie schwiegen lange, indes das Meer ruhig und schwerfällig zu ihnen heraufrauschte … und Tony glaubte plötzlich einig zu sein mit Morten in einem großen, unbestimmten, ahnungsvollen und sehnsüchtigen Verständnis dessen, was »Freiheit« bedeutete.

Thomas Mann, „Die Buddenbrooks“

Ich mag die Kombination von Bild und Text sehr, und das, was früher einmal ein Kalenderblatt gewesen ist, hängt mittlerweile seit Jahren immer in Sichtweite bei mir an irgendeiner Wand, zum ab und zu mal draufschauen und durchatmen.

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