Autonomes Dasein auf 40 Seiten: „Politische Postille Neubrandenburg“ von 1993

Beim Stöbern im Internet-Archiv auf ein papiernes Zeugnis der Zeitgeschichte gestoßen. Vor gut 23 Jahren wurde die Ausgabe 6/93 der „Politischen Postille Neubrandenburg“ im A5-Format über die Kopierer gejagt, um die Anarchisten der Region mit neuem Lesestoff zu versorgen. Inhaltlich hatte sich das Periodikum vom Antifablatt (das hieß noch „Antifant) zu einer regionalen anarchistischen Jugendzeitschrift gewandelt.

Sehr schön fand ich dabei auf Seite 9 folgendes Zitat:

Wir sitzen hier gerade so zusammen und überlegen, wie wir unser „autonomes Dasein“ anderen näherbringen können, ohne daß irgendwo irgendwelche Klappen runterfallen, die von Bild, Nordkurier, TV, CDU; SPD und ähnlichen parasitären Vereinigungen kläglich zusammengeschustert werden und wurden.“

Besonders niedlich wirkt das ganze, weil im hinteren Teil der Ausgabe auf ganzen drei Seiten Beiträge der „parasitären Vereinigung“ Nordkurier abgedruckt wurden, die wohl gerade ganz gut in den Kram passten.

Aber wie sah es nun 1993 aus mit den Antifa-Anarchos in Neubrandenburg? Wir bleiben auf Seite 9:

Und hier muß endlich einmal ausgesprochen werden, daß in NB viele Leute erkannt haben, daß es an der Zeit ist, Widerstand zu leisten. Dies zeigen verschiedene Aktionen wie z.Bsp.: Sprüh- und Farbeiaktionen gegen die Deutsche Bank und die Kommerzbank, Sprühaktionen bei Jagd- und Fleischerläden, spontane Ringbesetzungen, Sprühparolen zur Hafenstraße, sowie antifaschistische und antimilitaristische Sprühparolen, verschiedene Plakatklebeaktionen und nicht zuletzt auch Eure Zeitung.

Nun muss heute konstatiert werden, dass Deutsche Bank und „Kommerzbank“ die Antifa-Farbeier offenbar ganz gut weggesteckt haben und eher mit den Niedrigzinsen zu kämpfen haben. Warum die Anarchos Fleischerläden nicht mögen, erschließt sich mir dagegen so gar nicht. Spontane Ringbesetzungen gibt es demnächst bald wieder, wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft einen Sieg erringt – auch das dürfte wenig im Sinne der Linken sein.

Und das war’s dann auch schon zu Neubrandenburg, den Rest der PPN füllen bundesweite Aktionen oder Informationen. Noch ganz niedlich die Anekdote am Schluss, dass der Landes-Chef der Republikaner (die heute in MV quasi nicht mehr existent sind) seiner Ämter enthoben wurde, weil er ein zerkratztes Auto erfunden hat.

Hier also die „Politische Postille Neubrandenburg“ 6/1993 zum Durchblättern:

Nichts zu fürchten

Die viel zu vielen Bilder und Nachrichten machen den Einzelnen nur kleiner, als er in Wirklichkeit ist. Die Kenntnis des großen Ganzen lassen den Menschen vergessen, dass er sich auch gegen die Angst entscheiden kann. Dabei gibt es doch eigentlich nichts zu fürchten.

Diese Tage bieten eine passende Gelegenheit, eines der wenigen Depeche-Mode-Cover vorzustellen, die das Original besser machen. Das griechische Synthie-Pop-Duo Marsheaux haben sich das 1982er-Album „A broken frame“ komplett vorgenommen und vor allem den 35 Jahre alten Sound den modernen Hörgewohnheiten angepasst. Davon profitiert vor allem das epische Instrumental „Nothing to fear“:

Nicht unpassend dazu auch der Fakt, dass Chris Rea ebenfalls einen Song namens „Nothing to fear“ in seinem Repertoire hat, in dem es um einen Europäer geht, der Muslime willkommen heißt. Der also etwas praktiziert, was sich derzeit als eine Art gesellschaftlicher Lackmus-Test etabliert:

In God’s own name let’s eat together
In God’s own name please come in peace
See how our children play together
While you and me we stand alone

„Ich betreibe die Seite www…“ – „Jaja, weiß ich schon.“

tl;dr: In der Datei „Gewalttäter Sport“ steckt jede Menge Excel. Aktuell steht sie auf dem Prüfstand.

Karteikarten Otlet

Familienname, Vornamen, Geburtsnamen, sonstige Namen wie Spitznamen, andere Namensschreibweisen, andere Personalien wie Alias-Personalien, Familienstand, akademischer Grad, erlernter Beruf, ausgeübte Tätigkeit, Schulabschluss, Geschlecht, Geburtsdatum, Geburtsort einschließlich Kreis, Geburtsstaat, Geburtsregion, Volkszugehörigkeit, aktuelle Staatsangehörigkeit und frühere Staatsangehörigkeiten, gegenwärtiger Aufenthaltsort und frühere Aufenthaltsorte, Wohnanschrift sowie Sterbedatum.

Diese Daten können seit 1994 – und seit 2010 rechtsmäßig – von Verdächtigen und Beschuldigten in der Datei „Gewalttäter Sport“ gespeichert werden.

Unter anderem. Als da nämlich noch wären:

Lichtbilder, Gestalt, Größe, Gewicht, scheinbares Alter, äußere Erscheinung, Schuhgröße, besondere körperliche Merkmale, verwendete Sprachen, Stimm- und Sprachmerkmale wie eine Mundart, verfasste Texte, Handschriften und Angaben zu Identitätsdokumenten wie Personalausweis, Reisepass und andere die Identitätsfeststellung fördernde Urkunden (Geburts-, Heirats- oder Sterbeurkunde).

Niemand wird informiert, ob sie oder er in der Datei gespeichert ist. Eine automatische Löschung erfolgt nach fünf Jahren.

In dem Eintrag kann übrigens noch mehr drinstehen:

Angaben zum Aufenthaltsstatus und Aufenthaltsanlass, zu vorhandenen Kenntnissen und Fähigkeiten wie Sprachkenntnisse, Fertigkeiten in der Herstellung oder im Umgang mit Sprengstoffen und Waffen, zu verwendeten Kommunikationsmitteln wie Telefon (Festnetzanschluss oder Mobiltelefon), Telefax, E-Mail-Adresse, vom Beschuldigten betriebene Internetadresse, statische Internetprotokolladresse, dynamische Internetprotokolladresse und zugehöriger Zeitstempel sowie Diensteanbieter.

Aktuell läuft ein Antrag der Grünen, die Datei mal gründlich zu entmisten und die Löschfristen deutlich zu verkürzen.

Und was darf noch alles gespeichert werden?

Angaben zu verwendeten Fahrzeugen und sonstigen Verkehrsmitteln wie Luftfahrzeuge, Wasserfahrzeuge, einschließlich der Registrierdaten zur Identifizierung dieser Verkehrsmittel, zu Identitätsdokumenten und anderen Urkunden, die im Zusammenhang mit einer Straftat stehen und der betroffenen Person zuzurechnen sind, wie die Nummer der Zulassungsbescheinigungen Teil I und Teil II eines Kraftfahrzeugs, zu Konten, Finanztransaktionen, Zahlungsmitteln, zu Vermögenswerten, zu Sachen, die Gegenstand oder Mittel der Straftat waren, wie Waffen, Betäubungsmittel, Falschgeld, Publikationen.

Das ist ’ne Menge Excel. Laut Regierung wird die Datei derzeit evaluiert, „um herauszufinden, was zu verbessern ist“.Außerdem gespeichert werden können noch folgende Daten:

„Personengebundene Hinweise, die dem Schutz des Betroffenen dienen wie „Freitodgefahr“ oder die der Eigensicherung der ermittelnden Bediensteten dienen wie „bewaffnet“, „gewalttätig“, „Explosivstoffgefahr“, die der Ermittlungsunterstützung dienen wie „Sexualstraftäter“, „Straftäter politisch links motiviert“ oder „Straftäter politisch rechts motiviert“.“

(Quelle der möglichen zu erfassenden Daten: BKA-Daten-Verordnung)

Zuerst erschienen auf Du gehst niemals allein

Krankenkasse Barmer GEK erhöht für 2016 die Beiträge von 15,5 auf 15,7 Prozent

Wie viele andere Menschen habe ich heute Post von der Barmer bekommen. Darin hätten lediglich dreizehn Wörter stehen müssen, nämlich jene aus der Überschrift. Was habe ich bekommen? Zwei A4-Seiten voll, nebst Info-Broschüre. Aber warum schreibt die Barmer mir? Weil sie nächstes Jahr die Beiträge erhöhen. Und was steht in dem Brief?

Kaum ein Wort davon.

Sehr geehrter Herr Langer, wenn Sie Wert auf einen umfangreichen Versicherungsschutz und kompetente Beratung legen, sind Sie bei der BARMER GEK genau richtig.

Das geht noch einige Zeilen so weiter. Dann wird’s langsam interessant:

Vor dem Hintergrund der steigenden Kosten im Gesundheitswesen müssen die Beitragseinnahmen jedoch an die Ausgabenentwicklung angepasst werden.

Okay, sie kommen also zum Punkt. Sagt mir die Zahl und gut is, demografischer Wandel, immer mehr Alte, man liest das ja dauernd.

Mit Beginn des neuen Jahres wird es einen neuen Beitrag geben.

Oha. Spannung!

Die gute Nachricht vorab: Auch in 2016 wird der individuelle Zusatzbeitragssatz der Barmer exakt dem des durchschnittlichen Zusatzbeitragssatzes der gesetzlichen Krankenversicherung entsprechen.

Mann, ja doch! Der neue Beitrag?

… und wird insgesamt bei 15,7 Prozent liegen.

Aha. Und nun? Ist das weniger als vorher oder mehr? Und wie viel weniger oder mehr Beitrag muss ich zahlen? Das steht da nicht, das muss ich mir zusammengugeln.

Liebe Barmer, ich fühle mich von diesem Brief latent veralbert. Ich muss mich durch drei Absätze Reklame kämpfen, um den Grund des Anschreibens zu erfahren. Und selbst dann steht da nicht genau, was passiert. Für weniger geduldige Zeitgenossen habe ich das ganze mal übersetzt:

Hallo Herr Langer, wir haben eine kleine, eher schlechte Nachricht, haben aber nur ein durchschnittliches Selbstbewusstsein und deshalb eine wahnsinnige Angst davor, dass wir Sie als Kunden verärgern oder gar verlieren. Deshalb versuchen wir in diesem Brief, diese kleine, eher schlechte Nachricht so gut es nur geht in PR-Watte zu packen. Sie sind doch geistig nur so mittelfrisch und kriegen das bestimmt gar nicht mit. Und wenn wir die Beiträge „verändern“ und Ihnen schreiben, dass alles gut ist und wir eine Top-Krankenkasse sind, dann glauben Sie das und alle haben gewonnen. Dann hauen wir noch ein bisschen Werbeblöcke dazu, und sie vergessen die doofe Erhöhung ganz schnell und können weiter dösen. Deal?

Mann, Barmer! Eure Erhöhung liegt im unteren Mittelfeld, das ganze kostet mich kein Vermögen. Bisher lief alles glatt zwischen uns, nie ein Problem. Aber dieser Brief, dieses jämmerliche Um-den-Brei-herumreden, dieses verschleiern, vernebeln, vertuschen einer einfachen Wahrheit: Beitrag höher, vorher 15,5, jetzt 15,7 Prozent, macht für sie x Euro im Jahr – das ist Kacke. Denn viel schlimmer als eine Krankenkasse, die halbwegs – so gut kenne ich mich da nicht aus – plausibel wirtschaftet, ist für mich eine Krankenkasse, die mir einen Brief schreibt, in dem übersetzt drin steht: Ey du, Kunde! Weisste was? Ich halte dich vor allem für strunzdumm.

Metamorphose

Es fühlt sich an, als sollten wir den ganzen Tag auf die Straße gehen. Gar nicht nur, um etwas zu zeigen, um für oder gegen etwas zu demonstrieren, gar nicht nur aus politischen Gründen. Sondern auch, um sich einander zu vergewissern und zu versichern, dass man auch noch da ist. Um zu sehen, da sind ja noch so viele mehr, die sich auch so fühlen, als sollten sie gemeinsam auf die Straße gehen, als sollten sie raus aus ihren Wohnungen und Häusern, weg von den Nachrichtenbildschirmen und hin zu den anderen Menschen.

Ich würde gerne meinen Kindern zeigen können, dass es das auch hier gibt, wovon gerade oft gesprochen wird: den Willen der Menschen, demonstrativ zu der eigenen Lebens-Art-und-Weise zu stehen – und zwar nicht nur in der naheliegenden Form, einfach so weiterzumachen wie bisher. Ich würde gerne meinen Kindern beweisen können, dass die vielen klugen Gedanken, die sie in diesen Tagen von irgendwoher erreichen, überall in den Köpfen und Herzen der Leute steckt. Dass die Menschen hier, wenn sie sich beginnen unwohl zu fühlen und unfrei, auch etwas dagegen tun. Etwas, was manchmal ein bisschen darüber hinausgeht, Avatare einzufärben und auf „Teilen“ zu klicken. Und dass solche Taten eben nicht nur Spaziergänge gegen fremde Menschen sein müssen.

Als ich meinen Sohn vorhin zur Schule gebracht habe und im Autoradio aufgeregt die Nachricht von einer neuerlichen Schießerei in Paris durchdekliniert wurde, hätte ich ihm gerne mehr mit in den Tag gegeben als nur einen Abschiedskuss und ein betont fröhliches „Bis heute Abend!“. Ich hätte ihm sagen wollen, dass wir zwar nicht mehr weit weg von allem, aber selbst hier noch ganz viele sind.

Na ja. Vielleicht zeige ich ihm mal das kurze Video vom Blumen-gegen-Pistolen-Prinzip. Bestimmt reden wir auch wieder nachdenklich über die Nachrichten. Doch eigentlich fühlt es sich gerade so an, als sollten wir einfach mal zusammen nach draußen gehen und nach den anderen sehen.

Aber wahrscheinlich ist dafür auch das Wetter gerade viel zu schlecht.

Aus dem Album „Diorama“ von Dominik Eulberg

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