In der elften Etage

Der Junge, der verschlafen die Tür öffnet und sich nebst seinem Fahrrad in den Morgen hinausschiebt, dürfte es nicht mehr pünktlich zur Schule schaffen. Oder hat er Ausfall? Im Vorflur Dutzende Briefkästen, einige mit einem verblichenen „Bitte keine Werbung!“-Aufkleber. Elfter Stock, da ist es, obwohl der Nachname am Telefon nicht ganz genau zu verstehen war.

Ein alter Mann kommt um die Ecke, und sein Gesicht verfinstert sich. Ein Fremder, der die Briefkastennamen studiert, das kann nichts Gutes bedeuten. Hätte er nicht schon spürbar dem Klaren zugesprochen, hätte es vielleicht zu einem unfreundlich herausgerotzten „Nawattsuhchtadenn?!“ gereicht, so bleibt es bei glasig-kritischen „Ich beobachte dich genau, Freundchen!“-Blicken.

Die Papiertüte ist bis obenhin voll mit Kinderwinterjacken. Die Zeit im Fahrstuhl nutzt der Verkäufer mit sentimentalen Erinnerungen an Schneeballschlachten, Schlittenfahrten und frostigrote Kinderwangen. In der obersten Etage geht die Tür auf, und es riecht nicht gut. Das letzte Mal, als der Verkäufer so einen Gestank in dieser Penetranz erfahren durfte, hatte er eine Altenpflegerin einen Tag lang bei ihrer Tour durch gottverlassene pommersche Dörfer zu alten, einsamen Dorfmenschen begleitet.

Sechs Wohnungen, doch es gibt keine Klingelschilder. Allerdings hat er sich die Wohnungsnummer gemerkt und drückt auf den Knopf. Nichts zu hören, doch nach ein paar Sekunden hört er Schritte, und die Tür öffnet sich. Er telefoniert auf arabisch, nickt dem Verkäufer kurz zu und streut ein „Moment, bitte“ in seine etwas aufgeregte Stimme. Dann geht die Tür wieder zu, dahinter schwillt der Wortstrom hörbar an, davor steht einer, der gebrauchte Jacken über Ebay-Kleinanzeigen verkauft hat.

Tür wieder auf, „Entschuldigung“ und „bitte reinkommen“, eine kurze Geste, doch bitte die Schuhe auszuziehen. Drinnen ein großes Durchatmen, die Quelle des Flurgestanks muss sich in einer anderen Wohnung befinden. Doch hier riecht es gut, die helle Auslegware muss gerade gesaugt worden sein, im Kinderzimmer sind die Betten gemacht, aus der Küche duftet es nach frisch aufgebrühtem Tee.

Ein kleiner Junge pest heran und lässt den Besuch fortan kaum einen Moment aus seinen großen Augen. Der Käufer bittet ins Wohnzimmer, wo schon eine Frau mit Kopftuch in einem langen, hellen Kleid wartet. Mitten in der kleinen Anbauwand thront ein großer Fernseher, es läuft das Morgenmagazin. Da steht noch eine kleine Truhe in dem Zimmer, ein Tischchen und ein Sofa, auf das sich der Verkäufer setzen soll.

Der Käufer übergibt zuerst den ausgemachten Geldbetrag und checkt dann die Ware, spricht dabei mit seiner Frau und hat immer ein halbes Auge auf seinen Jungen. Der holt sofort einen Ball aus der Plastekinderschatztruhe und wirft ihn herausfordernd in die Richtung des Verkäufers. Der wirft zurück und bekommt sogleich mit einem hingenuschelten „Alles okay. Vielen Dank!“ sein Aufbruchssignal zu hören.

Gern hätte er noch kurz mit dem Mädchen gesprochen, das am Tag zuvor den Deal am Telefon nahezu akzentfrei in die Wege geleitet hatte. Doch die dürfte jetzt gerade in irgendeiner Grundschule sitzen, denkt er, während er seine Schuhe wieder anzieht. Dann noch einmal kurz nicht durch die Nase einatmen, bis der Fahrstuhl endlich da ist.

Unten hat es der alte Mann gerade mal bis zur nächsten Straßenecke geschafft. Dort steht er, leicht an ein Straßenschild gelehnt, und sieht den Verkäufer mit versteinerter Miene an. Der überlegt schon, ob er den Mann ansprechen soll und worüber er sich wohl so ärgern mag, als er bemerkt, dass der Blick des Mannes nicht ihm gilt, sondern knapp an ihm vorbei auf ein nahes Gebüsch zielt. Das wird für ihn wohl kein guter Tag werden.

Ausländisch für Inländer: Multikulti bei DT64

Alberne Spielszene über Integration – das würde sich ein Jugendradio heutzutage auch nicht mehr trauen. Doch Anfang der Neunziger, als Sonnenblumenhäuser angegriffen und Ossis ihre ersten Türken kennenlernten, lief das bei „Dr. Kaos“ am Sonntagnachmittag rauf und runter.

Hier gibt’s übrigens Teil 1, und hier steht, wer dahintersteckte.

Autonomes Dasein auf 40 Seiten: „Politische Postille Neubrandenburg“ von 1993

Beim Stöbern im Internet-Archiv auf ein papiernes Zeugnis der Zeitgeschichte gestoßen. Vor gut 23 Jahren wurde die Ausgabe 6/93 der „Politischen Postille Neubrandenburg“ im A5-Format über die Kopierer gejagt, um die Anarchisten der Region mit neuem Lesestoff zu versorgen. Inhaltlich hatte sich das Periodikum vom Antifablatt (das hieß noch „Antifant) zu einer regionalen anarchistischen Jugendzeitschrift gewandelt.

Sehr schön fand ich dabei auf Seite 9 folgendes Zitat:

Wir sitzen hier gerade so zusammen und überlegen, wie wir unser „autonomes Dasein“ anderen näherbringen können, ohne daß irgendwo irgendwelche Klappen runterfallen, die von Bild, Nordkurier, TV, CDU; SPD und ähnlichen parasitären Vereinigungen kläglich zusammengeschustert werden und wurden.“

Besonders niedlich wirkt das ganze, weil im hinteren Teil der Ausgabe auf ganzen drei Seiten Beiträge der „parasitären Vereinigung“ Nordkurier abgedruckt wurden, die wohl gerade ganz gut in den Kram passten.

Aber wie sah es nun 1993 aus mit den Antifa-Anarchos in Neubrandenburg? Wir bleiben auf Seite 9:

Und hier muß endlich einmal ausgesprochen werden, daß in NB viele Leute erkannt haben, daß es an der Zeit ist, Widerstand zu leisten. Dies zeigen verschiedene Aktionen wie z.Bsp.: Sprüh- und Farbeiaktionen gegen die Deutsche Bank und die Kommerzbank, Sprühaktionen bei Jagd- und Fleischerläden, spontane Ringbesetzungen, Sprühparolen zur Hafenstraße, sowie antifaschistische und antimilitaristische Sprühparolen, verschiedene Plakatklebeaktionen und nicht zuletzt auch Eure Zeitung.

Nun muss heute konstatiert werden, dass Deutsche Bank und „Kommerzbank“ die Antifa-Farbeier offenbar ganz gut weggesteckt haben und eher mit den Niedrigzinsen zu kämpfen haben. Warum die Anarchos Fleischerläden nicht mögen, erschließt sich mir dagegen so gar nicht. Spontane Ringbesetzungen gibt es demnächst bald wieder, wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft einen Sieg erringt – auch das dürfte wenig im Sinne der Linken sein.

Und das war’s dann auch schon zu Neubrandenburg, den Rest der PPN füllen bundesweite Aktionen oder Informationen. Noch ganz niedlich die Anekdote am Schluss, dass der Landes-Chef der Republikaner (die heute in MV quasi nicht mehr existent sind) seiner Ämter enthoben wurde, weil er ein zerkratztes Auto erfunden hat.

Hier also die „Politische Postille Neubrandenburg“ 6/1993 zum Durchblättern:

Nichts zu fürchten

Die viel zu vielen Bilder und Nachrichten machen den Einzelnen nur kleiner, als er in Wirklichkeit ist. Die Kenntnis des großen Ganzen lassen den Menschen vergessen, dass er sich auch gegen die Angst entscheiden kann. Dabei gibt es doch eigentlich nichts zu fürchten.

Diese Tage bieten eine passende Gelegenheit, eines der wenigen Depeche-Mode-Cover vorzustellen, die das Original besser machen. Das griechische Synthie-Pop-Duo Marsheaux haben sich das 1982er-Album „A broken frame“ komplett vorgenommen und vor allem den 35 Jahre alten Sound den modernen Hörgewohnheiten angepasst. Davon profitiert vor allem das epische Instrumental „Nothing to fear“:

Nicht unpassend dazu auch der Fakt, dass Chris Rea ebenfalls einen Song namens „Nothing to fear“ in seinem Repertoire hat, in dem es um einen Europäer geht, der Muslime willkommen heißt. Der also etwas praktiziert, was sich derzeit als eine Art gesellschaftlicher Lackmus-Test etabliert:

In God’s own name let’s eat together
In God’s own name please come in peace
See how our children play together
While you and me we stand alone

„Ich betreibe die Seite www…“ – „Jaja, weiß ich schon.“

tl;dr: In der Datei „Gewalttäter Sport“ steckt jede Menge Excel. Aktuell steht sie auf dem Prüfstand.

Karteikarten Otlet

Familienname, Vornamen, Geburtsnamen, sonstige Namen wie Spitznamen, andere Namensschreibweisen, andere Personalien wie Alias-Personalien, Familienstand, akademischer Grad, erlernter Beruf, ausgeübte Tätigkeit, Schulabschluss, Geschlecht, Geburtsdatum, Geburtsort einschließlich Kreis, Geburtsstaat, Geburtsregion, Volkszugehörigkeit, aktuelle Staatsangehörigkeit und frühere Staatsangehörigkeiten, gegenwärtiger Aufenthaltsort und frühere Aufenthaltsorte, Wohnanschrift sowie Sterbedatum.

Diese Daten können seit 1994 – und seit 2010 rechtsmäßig – von Verdächtigen und Beschuldigten in der Datei „Gewalttäter Sport“ gespeichert werden.

Unter anderem. Als da nämlich noch wären:

Lichtbilder, Gestalt, Größe, Gewicht, scheinbares Alter, äußere Erscheinung, Schuhgröße, besondere körperliche Merkmale, verwendete Sprachen, Stimm- und Sprachmerkmale wie eine Mundart, verfasste Texte, Handschriften und Angaben zu Identitätsdokumenten wie Personalausweis, Reisepass und andere die Identitätsfeststellung fördernde Urkunden (Geburts-, Heirats- oder Sterbeurkunde).

Niemand wird informiert, ob sie oder er in der Datei gespeichert ist. Eine automatische Löschung erfolgt nach fünf Jahren.

In dem Eintrag kann übrigens noch mehr drinstehen:

Angaben zum Aufenthaltsstatus und Aufenthaltsanlass, zu vorhandenen Kenntnissen und Fähigkeiten wie Sprachkenntnisse, Fertigkeiten in der Herstellung oder im Umgang mit Sprengstoffen und Waffen, zu verwendeten Kommunikationsmitteln wie Telefon (Festnetzanschluss oder Mobiltelefon), Telefax, E-Mail-Adresse, vom Beschuldigten betriebene Internetadresse, statische Internetprotokolladresse, dynamische Internetprotokolladresse und zugehöriger Zeitstempel sowie Diensteanbieter.

Aktuell läuft ein Antrag der Grünen, die Datei mal gründlich zu entmisten und die Löschfristen deutlich zu verkürzen.

Und was darf noch alles gespeichert werden?

Angaben zu verwendeten Fahrzeugen und sonstigen Verkehrsmitteln wie Luftfahrzeuge, Wasserfahrzeuge, einschließlich der Registrierdaten zur Identifizierung dieser Verkehrsmittel, zu Identitätsdokumenten und anderen Urkunden, die im Zusammenhang mit einer Straftat stehen und der betroffenen Person zuzurechnen sind, wie die Nummer der Zulassungsbescheinigungen Teil I und Teil II eines Kraftfahrzeugs, zu Konten, Finanztransaktionen, Zahlungsmitteln, zu Vermögenswerten, zu Sachen, die Gegenstand oder Mittel der Straftat waren, wie Waffen, Betäubungsmittel, Falschgeld, Publikationen.

Das ist ’ne Menge Excel. Laut Regierung wird die Datei derzeit evaluiert, „um herauszufinden, was zu verbessern ist“.Außerdem gespeichert werden können noch folgende Daten:

„Personengebundene Hinweise, die dem Schutz des Betroffenen dienen wie „Freitodgefahr“ oder die der Eigensicherung der ermittelnden Bediensteten dienen wie „bewaffnet“, „gewalttätig“, „Explosivstoffgefahr“, die der Ermittlungsunterstützung dienen wie „Sexualstraftäter“, „Straftäter politisch links motiviert“ oder „Straftäter politisch rechts motiviert“.“

(Quelle der möglichen zu erfassenden Daten: BKA-Daten-Verordnung)

Zuerst erschienen auf Du gehst niemals allein

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