Standardsituationen im Fußball und die DDR

standard

Es gibt ja generell nicht ganz so viele Dinge, die die DDR in die Deutsche Einheit einbringen konnte. Das Land stand ’89 kurz vor dem Staatsbankrott, liest man da immer wieder. Dann hatten die Leute kaum Zeit und noch weniger Nerven, sich von Mauerfall bis D-Mark zu besinnen und mal ’ne Inventur zu machen und nachzudenken, was ist Kunst und was kann weg. Wenn dann mal zu den einschlägigen Jubiläen flink Beispiele gesucht werden, findet man im Normalfall Produkte wie Rotkäppchen-Sekt, Bautz’ner Senf oder Nudossi, Wörter wie Broiler, Datsche oder Soljanka und dann vielleicht noch die Kindergärten-Dichte und den Grünen Pfeil.

Doch im Fußball?

Hans Meyer sitzt im Präsidium von Borussia Mönchengladbach seine Rente ab, Matthias Sammer hat das Haifischbecken Bayern München verlassen, und Toni Kroos wurde erst geboren, als die DDR schon hastig ihre Auflösung plante. Das jüngste 11-Freunde-Spezial zur DDR ist vergnüglicher Lesestoff für die Zielgruppe und hat sogar eine Neubrandenburg-Story, doch im Prinzip kannste auch da den „Opa erzählt vom Krieg“-Stempel raufpfeffern, und keiner könnte meckern.

Doch dann kuckste Tschämpjenslieg, und der Reporter reportiert begeistert von den Standards, den die Mannschaft so meisterhaft beherrscht, DIESE STANDARDS, LIEBE ZUSCHAUER! STANDARDS VOM ALLERFEINSTEN! Ein Beispiel aus dem Lehrbuch der Standardsituationen sei dieser Freistoß da eben gewesen, und dann denkste, wenn der Typ nochmal Standard sagt, flippste aber aus, und er sagt EIN SUPPASTANDARD!, und du willst eigentlich ausflippen, landest aber dann doch wieder nur irgendwo im Internet und erkundigst dich beflissentlich über die Herkunft der Fußballvokabel „Standardsituation“.

Und schwupps!, da sind wir dann schon wieder bei der DDR.

Der Begriff tauchte im Fußball erstmals in den 1970ern in der DDR auf. Im westdeutschen Fußball wurde der Begriff gegen Ende der 1980er Jahre übernommen.

Behauptet das Lexikon. Stichprobe im Spiegel-Archiv:

„Manndecker“, neben den „Standardsituationen“ die derzeit gängigste Kreation aus dem unerschöpflichen Reservoir deutscher Sportsprache, sind ganz offensichtlich wieder in.

Das wird im „Spiegel“ vom Dezember 1987 festgestellt, und vorher habe ich keine Fußball-Standards dort gefunden. Auch im Zeit-Archiv wird 1986 noch ein schnöder „langer Paß auf den Flügel und dann Flanke nach innen“ als Standardsituation bezeichnet. Im Rechtschreib-Duden taucht „Standardsituation“ erstmals 1986 auf. Über das 1988 erschienene Buch „Standardsituationen“ des Schriftstellers Eckhard Henscheid heißt es etwas muffigböse:

Der Wechselbalg stammt aus dem Sumpf der neudummdeutschen Sportreportersprache und bezeichnet – unter anderem – das, was ehedem Einwurf, Ecke, Strafstoß hieß.

Stichprobe im Archiv des „Neuen Deutschlands“, des früheren SED-Zentralorgans. „Zwei Standardsituationen zum Erfolg über Rumänien genutzt“, heißt es dort schon 1973, und das ist beileibe nicht der einzige Treffer in den Siebzigern. Wer die Möglichkeiten und die Muße hat, wird sicherlich noch frühere Fußball-Standards in der DDR-Schriftsprache aufspüren können.

Nur: Warum? Nun, „Standards“ fassen Dinge zusammen, die vorher mühsam haben aufgezählt werden müssen: Anstoß, Freistoß, Eckball, Einwurf. Nur logisch, dass sich der Begriff durchsetzt, der Mensch ist eben ein bequemer. Aber wieso entsprang die neue Bedeutung ausgerechnet im Osten Deutschlands? Die Antwort gibt eine Publikation der Arbeitsstelle für Hochschuldidaktik der Universität Zürich aus dem Jahr 2008.

In „Standardsituationen – Die universitäre Lehrveranstaltung als Fussballspiel“ (PDF) erklärt der Schweizer Historiker Christan Koller die Hintergründe. Er schlägt dabei einen Bogen vom Gefechtsdrill bei der Armee („… lag das fussballerische Training dabei im Trend sowohl der zivilen als auch der militärischen Didaktik …“) über Turntraditionen („Mit der Einübung standardisierter Bewegungsabläufe bei stehenden Bällen im Fussball wurde einerseits ein Stück alter Turnerkunst aufgegriffen“) bis hin zum „Wissenschaftlichen Sozialismus“, und konstatiert:

Disziplinen, bei denen standardisierte Spielzüge eine wichtige Rolle spielten und die sich deshalb im Geiste des «Wissenschaftlichen Sozialismus» analysieren und trainieren liessen, hatten in der Sportpolitik des «grossen Bruders» Sowjetunion seit jeher eine wichtige Rolle gespielt.

Kein Wunder also, so Koller, dass die Sowjets in Schach und Eishockey so gut waren. Und kein Wunder ebenso, dass in der DDR, wo einerseits die Sowjetunion in jenen Zeiten gerne als kulturelle Blaupause verwendet wurde und andererseits der Fußballsport aufgrund der bescheidenen Erfolge in den Siebzigern (Olympia-Bronze, -Gold und -Silber, das 1:0 von 1974, der Europapokal-Sieg des 1. FC Magdeburg) Konjunktur hatte, das sozialistisch Planbare, Messbare, Einübbare im so chaotisch-individuellen Fußball fleißig mit einer neuen Wortbedeutung hervorgehoben wurde.

Dass diese „Standards“ sportsprachlich auch sonst eine ziemlich gute Idee gewesen waren, zeigte sich allerdings erst ein Jahrzehnt später, als die Standardsituationen aus dem „Sumpf des Neudummdeutschs“ in den gesamtdeutschen Sportwortschatz einsickerten. Heute ist die Genese des Begriffs zwar zumeist unbekannt, seine Popularität aber dennoch ungebrochen. Und damit das hier nicht allzu trocken endet, habe ich mal aus dem aktuellen Weltfilmangebot ein paar knuffige Standards herausgefischt:

Herr Schmitt rückwärts oder „Rreh Ttimhcs Sträwkcür“

Charlotte wollte schon immer mal einen eigenen Beitrag ins Blog stellen. Jetzt ist es soweit – schon zum zweiten Mal. Nach „Das Experiment“ geht es heute um Herrn Schmitt. Viel Spaß!

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Foto: Herbstrose via Flickr unter CC-Lizenz by-nc

Herr Schmitt bemerkte eines Tages, dass sein Name rückwärts viel besser klang. Er meldete sich bei der Stadt mit dem Namen Tumleh Ttimhcs aus der Eßartstpuah 17 an. Beim Zahnarzt machte er einen Termin unter diesem Namen. Das fühlte sich gut an, einen neuen Namen – eine neue Persönlichkeit! Überall hielt man ihn für einen interessanten, weit gereisten Menschen aus der Mongolei, aus Moldawien oder gar aus Marokko …

Helmut Schmitt fühlte sich gut! So ging das erst einmal weiter, ohne das jemandem auffiel, dass er im Prinzip weg war mit seiner alten Persönlichkeit. Eines Mittwoch Morgens klingelte es. Tumleh alias Helmut war noch im Bademantel, welcher auch noch babyblau mit aufgedruckten Autos war.

Er ging fluchend zur Tür, und als sie geöffnet war, erkannte er seine Mutter. Sie sah nicht verändert aus. Helga – so hieß seine Mama – war immer noch die nicht gut sehende, tüchtige, aber trotzdem liebenswerte alte Frau.

Sie fragte zögernd, aber eindringlich:
„Wo ist mein Sohn?“
Tumleh wollte sie aber noch ein bisschen zappeln lassen.
„Ich weiß es nicht, ich wohne hier erst maximal zwei Monate, aber wie unhöflich, kommen Sie doch rein!“

Als Helga reinkam, erkannte sie langsam die Möbel und Dekostücke und wusste, dass sie reingelegt wurde. Sie ärgerte sich, dass sie sich nicht früher eine neue Brille besorgt hatte.

Bei Kaffee und Kuchen erklärte Helmut ihr, dass er eine neue Persönlichkeit angenommen hatte. Leider hatte er auch schon Stress mit den Nachbarn gehabt, weil diese schon misstrauisch geworden waren. Als seine Mutter dies hörte, verlangte sie:
„Sei doch einfach wieder Helmut Schmitt anstatt Tumleh Ttimhcs.“
Aber darauf erwiderte ihr Sohn, dass er sich schon an alles Neue gewöhnt habe und er Tumleh viel besser fand als Helmut.

Er redete so lange auf Helga ein, bis sie beschlossen, dass er sich erst einmal umziehen und sie danach nach einer Lösung suchen würden. Sie aßen gemeinsam und gingen dann ins Bett. Und da kam Helga die rettende Idee …

Drei Monate später war es so weit: Sie zogen in ein kleines Dorf, wo sie alle beide in einem kleinen, schnuckeligen Häuschen wohnen sollten. Helmut konnte so seine neue Persönlichkeit ohne unnötiges Aufsehen wieder annehmen, und seine Mutter konnte ihn immer kontrollieren. Außerdem sehnte sie sich schon länger nach einem bisschen der familiären Gesellschaft. Alle hielten ihn wieder für einen wohlerzogenen, wohlhabenden Mann von Welt.

Tumleh bekam eine hübsche, freundliche Frau, die Helmut für das liebte, was er war. Sie hieß Adlaremse Ttimhcs. Oder auch Esmeralda Schmitt. Und eines sage ich euch, sie bekamen schnell zwei süße kleine Kinder, und somit wurde Helga Oma. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was das für eine Freude im Hause Ttimhcs verursachte. Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende.

(Ich habe drauf verzichtet diesen Text rückwärts zu schreiben, okay, oder? Hättet ihr’s geschafft?
Liebe Grüße, Eure Charlotte.)

Ode an den Rocker aus Hohenmocker

Also fuhren wir am Wochenende zum Auswärtsspiel. Auf der Rückfahrt kamen wir durch ein hübsches Dorf bei Demmin namens Hohenmocker. Und Heinrich befand das Wort für interessant und begann sofort damit, die Reimmaschine anzuschmeißen. Bis wir schließlich zu Hause angekommen waren, hörten wir nicht mehr auf mit der Reimerei. Und sowas kommt dann dabei raus.

Hohenmocker Kreis: Demmin

Es lebte einst ein Rocker
im schönen Hohenmocker.
Der saß stets auf ’nem Hocker,
und trank in Ruhe sein Mokka.

Er trug Camouflage-Knickerbocker.
und er war ein richtiger Zocker.
Zockte Skat da auf seinem Hocker,
trank Mokka und schleckte ein Nogger.

Der Rocker zockte recht locker
auf dem Hocker in Hohenmocker.
Und zum Mokka aß er ’ne Bocker
und hörte ganz leise Joe Cocker.

Der Rocker mochte Joe Cocker,
denn der rockte immer so locker,
nicht so wie Greg Focker beim Stock-Car
oder der Rocker aus Hohenmocker.

Im Winter verschwand dann der Hocker.
Der Rocker trank auch nicht mehr Mokka,
sondern Grog zu ’nem Croque und ’ner Bocker –
und am Abend ein paar Betablocker.

Der Rocker wurde zum Jogger.
Der Zocker verschwand wie der Hocker.
Kein Stock-Car mehr, und auch kein Mokka.
Es wurde dunkel in Hohenmocker.

Es lebte ein alter Ex-Rocker
im verschlafenen Hohenmocker.
Doch dann verbrannte er seinen Hocker
und trank pathetisch den letzten Mokka.

Denn es war gestorben Joe Cocker.
Und das war für den Rocker ein Schocker.
Er joggte, in der Hand noch ’ne Bocker,
um den Schwanenteich von Hohenmocker.

Dabei fühlte er sich nicht locker,
sondern eher wie Greg Focker beim Stock-Car.
Er dachte: ,Wie wär’ jetzt Joe Cocker?
Wär’ der auch so’n erbärmlicher Jogger?‘

Er verneinte die Frage, und Hoppla!
war er wieder der lockere Rocker!
Er versammelte ganz Hohenmocker
um die brennende Reste vom Hocker.

Es gab Nogger und Bocker und Mokka.
Und der Rocker von Hohenmocker
(eigentlich hieß der Mann Jens)
sang dazu laut
„With a Little Help from My Friends“.

Drei Anekdoten zum Thema Handschrift

Schrift

Vor einigen Tagen ist es mir zum ersten Mal passiert, dass eine Verkäuferin „Nein!“ gesagt hat. Ich wollte gerne etwas kaufen und dafür mit meiner EC-Karte bezahlen. Dafür gibt es dann üblicherweise zwei Methoden: Pin-Nummer eingeben oder unterschreiben.

Diesmal musste ich unterschreiben. Und ich tat das offenbar qualitativ nicht ausreichend. „Darf ich bitte noch Ihren Personalausweis sehen?“, fragte die Verkäuferin. Und als ich auf den Kassenbon sah, den ich mit meiner hingeklierten Alltagsunterschrift nicht gerade verschönert hatte, da wusste ich, was sie meinte.

Im Vergleich zu der Unterschrift, die ich vor einigen Jahren auf meiner EC-Karte zwecks Verifizierung hinterlassen hatte, wirkte die aktuelle Unterschrift wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen. Die Verkäuferin hatte vollkommen recht: Sie musste den Unterschreiber als den rechtmäßigen Inhaber der Karte erst noch zusätzlich erkennen.

– – –

Vor einiger Zeit feierte eine Kollegin ihren Geburtstag. Wir haben gesammelt und ein Geschenk besorgt und eine Glückwunschkarte gekauft. Alle haben gespendet und unterschrieben. Noch ein Grußtext, und fertig wäre das Geschenk.

„Sebastian, schreibst du bitte die Karte, du hast doch so eine schöne Handschrift.“

WAS? ZUM? TEUFEL???

Meine begrenzten Möglichkeiten, Bilder oder Text per Hand adäquat und künstlerisch wertvoll zu Papier zu bringen, sind in meiner Familie ein running gag. Meine Frau ist die stolze Inhaberin einer wunderschönen Handschrift. Ich dagegen besitze lediglich die Möglichkeit, mich auch mit Stift und Papier halbwegs verständlich auszudrücken. Aber die jüngeren Kolleginnen und Kollegen fanden, ich wäre noch am besten geeignet für so ein Schmuckvorhaben.

Meine „schöne Handschrift“ kann daher nur zwei Entwicklungen entsprungen sein: einer tagesaktuellen Geschmacksverirrung oder dem grundsätzlichen Verfall der Schreibschriftästhetik auf der Welt.

– – –

Finnland macht einen Schritt weiter und legt in der Schule weniger Wert auf das Vermitteln von Schreibschrift (SZ, FAZ). Deutschland schreit auf. Wo kämen wir da hin? Was sagt die Omma auffem Dorf dazu? Und wenn das jeder machen würde?

Tja, was dann? Jeder darf sich gerne mal fragen, wann er zuletzt einen größeren Text per Schreibschrift verfasst hat – und ob dieser danach auch noch halbwegs leserlich gewesen ist. Die Menschen kommunizieren nicht mehr per Schrift, das ist ein Fakt.

Jetzt gilt es lediglich, die letzte Schlacht zu schlagen. Bringt es uns wirklich Vorteile, per Hand zu schreiben? Sind wir für diese Vorteile bereit, auf die Vorteile des Tippens und der digitalen Kommunikation zu verzichten? Und was bleibt eigentlich von der Handschrift übrig, wenn die Retro-Welle vorbeigezogen ist?

Mir macht es nach wie vor großen Spaß, mit der Hand zu schreiben. Den Lesern des Geschriebenen machte es zunehmend Mühe, die Schriftzeichen zu entziffern. Und: Die Menschen (zumindest ein Großteil) haben die Fähigkeit verloren, in freier Natur ohne Hilfsmittel ein Feuer zu entfachen.

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