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Hand vor den Mund! – Wie Lippenleser den Fußball verändert haben

Henry et C Ronaldo post match

Foto: nofrills via flickr cc-license by-sa

Die WM steht bevor, und die geneigte Öffentlichkeit wird in den kommenden Wochen wieder eine Menge solcher Szenen beobachten können. Der Trainer bespricht mit seinem Assistenten die nächsten ausgeklügelten Schachzüge. Zwei Gockel versuchen sich im Trash Talk. Ex-Kollegen schnattern nach Abpfiff beim Trikottausch über das Wetter. Oder ein Enttäuschter geigt dem Schiri aber mal so richtig die Meinung.

Und stets hält der Redende eine leicht gewölbte Hand vor seinem Munde.

Seit einigen Jahren übt sich die Weltfußball-Profigemeinde am verdeckten Sprechen; und es ist gar lustig mit anzusehen. Impliziert doch der Akt des Verhinderns von optischen Lauschangriffen, dass das Gesagte stets eine gewisse Bedeutung innehat. Etwas, was die Zuschauermillionen und das Twitter-Tribunal um Gottes Willen bloß nicht erfahren dürfen. Mich macht erst die Mundvorhaltsgeste so richtig neugierig auf das, was der Vorhaltende meint, geheim halten zu müssen. Ich bezweifele jedoch, dass der Smalltalk-Content dabei besonders häufig die Nachrichtenwert-Schwelle überwindet.

Heuchelei kann zudem attestiert werden, wenn selbige, die mit Gossip-News und Social-Media-Kanälen ihre Werbemillionen generieren, sich nun mitten in der Aufmerksamkeits-Arena vor ein bisschen Beobachtung zieren. Man wartet nur noch auf den #Aufschrei, wenn einer der Sport-Gladiatoren bald jammert: „Die kucken mir alle zu, das ist nicht mehr der Fußball, den ich noch kenne!“ Respekt an dieser Stelle an alle aufrecht Pöbelnden, die ihren Verbal-Sermon ungeschützt und also mit einem unsichtbar darüber schwebenden „IHR KÖNNT DAS ALLE WISSEN!!!1!“ ihrem Widerpart entgegenbellen. Das ist der Fußball, den wir noch kennen.

Jedoch bleibt festzuhalten, dass die protektionistische Kommunikationsgeste in der Welt ist. Vermutlich ahmen sie in diesem Moment unzählige minderjährige Schulrowdys nach, um bloß nicht von der Aufsicht enttarnt zu werden. Auch im Großraumbüro bietet sich das Unmöglichmachen von Spontan-Lippenleserei an, das Kollegenlästern könnte sonst zu ernsthaften arbeitsrechtlichen Konsequenzen führen. Und sogar in der Familie sollte erwogen werden, die Verbalkritik an Heranwachsenden auf der Terrasse künftig nicht nur mit gesenkter Stimme, sondern auch mit obercoolen Profifußball-Handbewegungen vor dem Entschlüsseln zu bewahren.

Denn man kann ja nie wissen …

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sl. Sport

Als Hansa gegen Barca spielte und das Stadion nur zu einem Drittel voll war

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An jenem Tag vor 26 Jahren, an dem Barcelona an die Ostsee kam, sah ich nicht nur mein erstes Europapokalspiel, sondern lernte auch etwas über die Marktwirtschaft.

Erste Runde im 37. und letzten Wettbewerb der europäischen Landesmeister, der letzte DDR-Meister Hansa Rostock wird Barca zugelost. Im Camp Nou verliert Hansa klar mit 0:3, das sportliche Interesse am Rückspiel gegen den späteren Pokalsieger hält sich also in Grenzen. Zubizarreta, Guardiola, Koeman, Eusebio, Stoitschkow und Laudrup würden das schon schaukeln, da waren sich alle einig. Aber dennoch: BARCELONA! Es war 1991, die deutsche Einheit war 364 Tage alt, und alles, was damit zusammenhing, war noch so neu und aufregend und bunt und laut und duftend und unbedingt erstrebenswert – erst recht, wenn man 14 Jahre alt war und durch eine verdammt glückliche Fügung der Geschichte eine Eintrittskarte für dieses Spiel angeboten bekam.

So lief also ein aufgeregter Teenager am 2. Oktober 1991 mit einer guten Freundin seiner Mutter (Danke nochmal, Sylvie!) durchs Rostocker Hansaviertel, um den Freund der Freundin zu treffen. Der Mann, der gute Verbindungen zu Hansa hatte, wartete schon ungeduldig auf den Treppen irgendeines riesigen konspirativen Gebäudes, um hastig die Bekannte zu drücken und uns die Karten zu geben. Plötzlich direkt auf dem Grat zwischen Halblegalität und Klüngelwirtschaft wandernd bedankte ich mich artig und wollte gerne noch etwas sagen zu diesem unglaublichen Wahnsinn, den das ganze Land in diesen Zeiten ja gerne immer wieder gesondert betonte und der es machte, dass ein spanischer Weltverein gleich vor meinen Augen Fußball spielen würde und der auch dafür verantwortlich zeichnen dürfte, dass gerade ich dieses Ticket zu allem Überfluss auch noch geschenkt bekam und dass … aber da war der Mann dann auch schon wieder weg.

Und ich sah mir die Karte genauer an und bekam einen Schreck. „60 DM“. Sechzig! WESTMARK!!! Und ich hatte das eben gerade geschenkt bekommen. Erst lange Zeit später habe ich eine Verbindung herstellen können zwischen dem Preisschock, den ich auf dem Weg ins Ostseestadion erst mal langsam verdauen musste und dem Bild, das sich mir schließlich im Stadion bot. Wo waren all die Leute hin? Na klar doch, dachte ich erst, bis zum Anpfiff sind die alle wieder … aber nein, da kamen keine mehr: Das damals 25.000 Zuschauer fassende Ostseestadion war nur spärlich gefüllt. „Hey, freust du dich gar nicht?“, fragte die Freundin, und ich behalf mir mit irgendeiner halben Notlüge, denn natürlich freute ich mich, so wie sich ein Norddeutscher eben gerade so zu freuen vermag; aber sah sie denn nicht diese Unwucht, dieses surreal nicht mal halbvolle Stadion, wenn Hansa Rostock im Europapokal gegen Barcelona spielt?

Es war eine ganz einfache Rechnung. Preise von 40 bis 100 D-Mark (üblich waren hier sonst 15 bis 40) hielten die Menschen in und um Rostock davon ab, sich dieses Fußballspiel – das zumal vom ZDF live übertragen wurde – vor Ort im Stadion anzusehen. Seit der Währungsunion waren erst einige Monate ins Land gegangen, die Menschen hatten Autos, Küchen, Reisen und Fernseher gekauft, und schließlich war nicht mehr so sehr viel übrig für ein sportlich nahezu aussichtsloses Erstrundenrückspiel im Fußball-Europapokal. Am Spieltag machte die Vereinsführung zwar noch eine Rolle rückwärts und bot die Tickets um die Hälfte billiger an, aber da war es schon zu spät: Das bis heute sportlich größte Heimspiel der Vereinsgeschichte des FC Hansa Rostock fand vor gerade mal 8500 und also 400 Zuschauern weniger statt als die jüngste Drittligapartie gegen den VfR Aalen (1:0).

Das Spiel selbst war ein großer Spaß, die Rostocker mit Olaf Bodden, Juri Schlünz, Jens Wahl und Florian Weichert machten von den typischen Oberliga-Fußball-Fanfaren und „Ich bin stolz, ein ,Ossi‘ zu sein“-Transparenten unterstützt ordentlich Dampf und gewannen schließlich durch einen formidablen Flugkopfball von Uwe Spies verdient mit 1:0. Die von Johan Cruyff trainierten Katalanen kickten noch den 1. FC Kaiserslautern aus dem Wettbewerb und gewann schließlich das Finale gegen Sampdoria Genua. Hansa hingegen spielte eine legendäre erste Bundesliga-Saison und stieg am Ende nichtsdestotrotz in die 2. Liga ab. Und dieses Video hier zeigt nicht nur das komplette Spiel mitsamt dem sonoren Kommentar von Günter-Peter Ploog, sondern auch ein Fernsehfußballspiel ohne Dauereinblendung von Teams und Spielzeit, mit Hansa-Trainer Uwe Reinders featuring New-Yorker-Basecap sowie unfassbar unkleidsamen Barca-Auswärtstrikots.

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Medien Sport

Ja, sie lebt noch! Der unglaubliche Weg der Fußballstatistikorganisation IFFHS

Fußballstatistik

Ich finde: Fußball heißt Statistik! Iniesta fummelt fast himmlisch schön. Oder doch: International Federation of Football History and Statistics. Wofür IFFHS nun wirklich genau steht? Ach, komm, denk’ dir doch selber einen schönen Titel aus! Denn so viele un- und sinnige Bezeichnungen hinter dieser Abkürzung auch stecken könnten, so viele Frage- und Ausrufezeichen ploppen auf, wenn man sich mal ein paar Stunden beschäftigt mit … mal ein paar Minuten gugelt nach dem Phänomen IFFHS.

Das Schweizer Radio und Fernsehen SRF hat das offensichtlich nicht gemacht. Denn die Frage Hat Spanien die beste Liga der Welt? beantwortete die SRF-Redaktion jüngst unter anderem mit Verweis auf das Fachwissen der IFFHS:

Deshalb stellt die International Federation of Football History & Statistics (IFFHS) jährlich eine Rangliste aller Ligen weltweit auf. Dazu wird ein Geflecht verschiedener und relativ undurchsichtiger Faktoren berücksichtigt.

Die deutsche Bundesliga landet in dieser Liste der undurchsichtigen Geflechte auf Platz drei, gerade noch knapp vor der argentinischen. Spanien auf eins, die Premier League hinter der brasilianischen Liga nur enttäuschender Siebter. Nun kann man über die Stärken nationaler Fußball-Ligen ja streiten bis zur nächsten Meisterschaft von Hansa Rostock – aber die erneute Hofierung der IFFHS als relevante, ernstzunehmende Quelle in fußballstatistischen Fragen ist erstaunlich.

Denn das Image der IFFHS ist – zumindest in Deutschland – reichlich beschädigt. Die Liste der kritischen Artikel zu der Organisation ist so lang wie renommiert: Spiegel, Süddeutsche, 11 Freunde, Taz. Das hindert andere Medien allerdings nicht daran, die IFFHS immer wieder als Quelle ins Gespräch zu bringen, wenn mal wieder ein Manuel Neuer oder Markus Merk als Welt-Torhüter oder -Schiedsrichter gekürt werden. Auch der DFB verweist in schöner Regelmäßigkeit auf die obskure Organisation, die den Vorwurf der Intransparenz, des Vortäuschens von Kompetenz und der Willkür auch durch ihre frickelige Webseite nicht wirklich ausräumen kann.

Und damit meine ich gar nicht mal die wunderliche IFFHS-Gründungsgeschichte um einen sonderlichen Dr. aus Leipzig, der es sich wohl erst mit der DDR und anschließend mit so manchem skeptischen Sportjournalisten verdarb. Nein, bis heute bleiben die exakten Kriterien der einzelnen IFFHS-Wahlen genauso im Unklaren wie der fachliche Hintergrund des IFFHS-Personals und die bilateralen Beziehungen zur Fifa, Uefa und zum SV Fortuna Tützpatz.

Aber nun gut. Es sind viele ziemlich wohlhabende Menschen auf den IFFHS-eigenen Bildern zu sehen, es dürfte diesen komischen Klub also noch etwas länger geben, und der Hauptsitz in Lausanne nahe des IOC hat da auch so sein Geschmäckle; aber was soll’s, leben und leben lassen. Und so möchte ich schließend für einen unheilvollen Blick in die Zukunft die IFFHS in ihrem ganz eigenen Englisch zitieren:

The IFFHS is also clear about its future global role which it will strongly seek to fulfil, without regard to outside influences. … Also will be of worldwide interest some surprises.

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Sport Sprache

Standardsituationen im Fußball und die DDR

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Es gibt ja generell nicht ganz so viele Dinge, die die DDR in die Deutsche Einheit einbringen konnte. Das Land stand ’89 kurz vor dem Staatsbankrott, liest man da immer wieder. Dann hatten die Leute kaum Zeit und noch weniger Nerven, sich von Mauerfall bis D-Mark zu besinnen und mal ’ne Inventur zu machen und nachzudenken, was ist Kunst und was kann weg. Wenn dann mal zu den einschlägigen Jubiläen flink Beispiele gesucht werden, findet man im Normalfall Produkte wie Rotkäppchen-Sekt, Bautz’ner Senf oder Nudossi, Wörter wie Broiler, Datsche oder Soljanka und dann vielleicht noch die Kindergärten-Dichte und den Grünen Pfeil.

Doch im Fußball?

Hans Meyer sitzt im Präsidium von Borussia Mönchengladbach seine Rente ab, Matthias Sammer hat das Haifischbecken Bayern München verlassen, und Toni Kroos wurde erst geboren, als die DDR schon hastig ihre Auflösung plante. Das jüngste 11-Freunde-Spezial zur DDR ist vergnüglicher Lesestoff für die Zielgruppe und hat sogar eine Neubrandenburg-Story, doch im Prinzip kannste auch da den „Opa erzählt vom Krieg“-Stempel raufpfeffern, und keiner könnte meckern.

Doch dann kuckste Tschämpjenslieg, und der Reporter reportiert begeistert von den Standards, den die Mannschaft so meisterhaft beherrscht, DIESE STANDARDS, LIEBE ZUSCHAUER! STANDARDS VOM ALLERFEINSTEN! Ein Beispiel aus dem Lehrbuch der Standardsituationen sei dieser Freistoß da eben gewesen, und dann denkste, wenn der Typ nochmal Standard sagt, flippste aber aus, und er sagt EIN SUPPASTANDARD!, und du willst eigentlich ausflippen, landest aber dann doch wieder nur irgendwo im Internet und erkundigst dich beflissentlich über die Herkunft der Fußballvokabel „Standardsituation“.

Und schwupps!, da sind wir dann schon wieder bei der DDR.

Der Begriff tauchte im Fußball erstmals in den 1970ern in der DDR auf. Im westdeutschen Fußball wurde der Begriff gegen Ende der 1980er Jahre übernommen.

Behauptet das Lexikon. Stichprobe im Spiegel-Archiv:

„Manndecker“, neben den „Standardsituationen“ die derzeit gängigste Kreation aus dem unerschöpflichen Reservoir deutscher Sportsprache, sind ganz offensichtlich wieder in.

Das wird im „Spiegel“ vom Dezember 1987 festgestellt, und vorher habe ich keine Fußball-Standards dort gefunden. Auch im Zeit-Archiv wird 1986 noch ein schnöder „langer Paß auf den Flügel und dann Flanke nach innen“ als Standardsituation bezeichnet. Im Rechtschreib-Duden taucht „Standardsituation“ erstmals 1986 auf. Über das 1988 erschienene Buch „Standardsituationen“ des Schriftstellers Eckhard Henscheid heißt es etwas muffigböse:

Der Wechselbalg stammt aus dem Sumpf der neudummdeutschen Sportreportersprache und bezeichnet – unter anderem – das, was ehedem Einwurf, Ecke, Strafstoß hieß.

Stichprobe im Archiv des „Neuen Deutschlands“, des früheren SED-Zentralorgans. „Zwei Standardsituationen zum Erfolg über Rumänien genutzt“, heißt es dort schon 1973, und das ist beileibe nicht der einzige Treffer in den Siebzigern. Wer die Möglichkeiten und die Muße hat, wird sicherlich noch frühere Fußball-Standards in der DDR-Schriftsprache aufspüren können.

Nur: Warum? Nun, „Standards“ fassen Dinge zusammen, die vorher mühsam haben aufgezählt werden müssen: Anstoß, Freistoß, Eckball, Einwurf. Nur logisch, dass sich der Begriff durchsetzt, der Mensch ist eben ein bequemer. Aber wieso entsprang die neue Bedeutung ausgerechnet im Osten Deutschlands? Die Antwort gibt eine Publikation der Arbeitsstelle für Hochschuldidaktik der Universität Zürich aus dem Jahr 2008.

In „Standardsituationen – Die universitäre Lehrveranstaltung als Fussballspiel“ (PDF) erklärt der Schweizer Historiker Christan Koller die Hintergründe. Er schlägt dabei einen Bogen vom Gefechtsdrill bei der Armee („… lag das fussballerische Training dabei im Trend sowohl der zivilen als auch der militärischen Didaktik …“) über Turntraditionen („Mit der Einübung standardisierter Bewegungsabläufe bei stehenden Bällen im Fussball wurde einerseits ein Stück alter Turnerkunst aufgegriffen“) bis hin zum „Wissenschaftlichen Sozialismus“, und konstatiert:

Disziplinen, bei denen standardisierte Spielzüge eine wichtige Rolle spielten und die sich deshalb im Geiste des «Wissenschaftlichen Sozialismus» analysieren und trainieren liessen, hatten in der Sportpolitik des «grossen Bruders» Sowjetunion seit jeher eine wichtige Rolle gespielt.

Kein Wunder also, so Koller, dass die Sowjets in Schach und Eishockey so gut waren. Und kein Wunder ebenso, dass in der DDR, wo einerseits die Sowjetunion in jenen Zeiten gerne als kulturelle Blaupause verwendet wurde und andererseits der Fußballsport aufgrund der bescheidenen Erfolge in den Siebzigern (Olympia-Bronze, -Gold und -Silber, das 1:0 von 1974, der Europapokal-Sieg des 1. FC Magdeburg) Konjunktur hatte, das sozialistisch Planbare, Messbare, Einübbare im so chaotisch-individuellen Fußball fleißig mit einer neuen Wortbedeutung hervorgehoben wurde.

Dass diese „Standards“ sportsprachlich auch sonst eine ziemlich gute Idee gewesen waren, zeigte sich allerdings erst ein Jahrzehnt später, als die Standardsituationen aus dem „Sumpf des Neudummdeutschs“ in den gesamtdeutschen Sportwortschatz einsickerten. Heute ist die Genese des Begriffs zwar zumeist unbekannt, seine Popularität aber dennoch ungebrochen. Und damit das hier nicht allzu trocken endet, habe ich mal aus dem aktuellen Weltfilmangebot einen besonders knuffigen Standard herausgefischt:

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Sport

Die ungewöhnlichen Trainingsmethoden des Viktor Ponedelnik

Bevor die Europameisterschaft beginnt und allerortens dem hypermodernen Fußball und seinen hochoptimierten Helden gehuldigt wird, möchten wir daran erinnern, dass die Ronaldos, Ibrahimovics, Neuers und Müllers auch nur auf den Schultern von Giganten stehen.

Wie zum Beispiel auf denen von Wiktor Wladimirowitsch Ponedelnik, der bei der ersten Euro 1960 dass Team CCCP, also der Sowjetunion, im Finale gegen Jugoslawien (es ist das einzige WM- oder EM-Finale, wo beide Gegner als Land so nicht mehr existieren) mit seinem Tor in der 114. Minute den EM-Titel bescherte. Wahrscheinlich hatte er zuvor am Ufer des Asowschen Meeres einfach nur ausreichend Steine in die Luft gestreckt.

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Später wurde Ponedelnik – was auf Deutsch Montag heißt und nach dem Finale, das in Russland am Montag früh stattfand, entsprechend launige Schlagzeilen produzierte – Trainer, Sportjournalist und Berater des russischen Präsidenten. Und er blieb, so heißt es zumindest in einer Kurzbiografie aus dem Jahr 2003 über Ponedelnik, „все так же тверд в своих взглядах и пристрастиях в футболе“ („immer noch fest in seine Ansichten und Vorlieben im Fußball“).

Und wer von uns wollte so einen Satz im hohen Alter nicht mal über sich lesen?

(Zuerst erschienen auf Du gehst niemals allein)

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Sport

„Wir können nicht immer nur vom Schicksal abhängig sein. Das ist in Zukunft nicht mehr tragbar.“

Ihr kuckt nachher auch brav die Europapokal-Auslosung? Diskutiert, ob nun PSG – Paris Saint-Germain​ oder Atlético de Madrid​ der bessere, weil leichtere Bayern-Gegner gewesen wäre und warum der VfL Wolfsburg​ gegen Manchester City FC​ keine Chance hat und weshalb Borussia Dortmund​ sowieso ins Finale kommt?

Gott, seid ihr doof!

Habt Ihr nicht in dieser Woche Eure Erleuchtung erfahren? Gelernt, um was es im Fußball, ach was: im Leben! eigentlich geht? Euch sagen lassen, wie man mit spontanen Unwägbarkeiten – wie zum Beispiel Viertelfinal-Auslosungen – umgeht? Wie man Dingen, die nun mal passieren dann und wann, optimal begegnet?

Und nein, wir reden nicht vom grandiosen Achtelfinal-Rückspiel-Kampf des FC Bayern gegen Juventus, einem einfach nur großartigen Fußballspiel mit allen dazu nötigen Ingredienzien, als da wären: Spannung, Fehlentscheidungen, Tore, Rudelbildung, Gefühle auf dem Platz, Verlängerung, Führungswechsel – und Beobachter, die spontan begeisterter Anhänger einer Mannschaft werden, die ihnen bislang egal war oder die sie vielleicht so gar nicht leiden konnten.

Nein, davon reden wir nicht. Also nicht direkt. Denn unerkannt und nahezu ungewürdigt lebt im Dunstkreis dieser Mannschaft einer der größten, ja wenn nicht sogar der allergrößte Philosoph unserer Zeiten. Er hat im Euphorietaumel des profanen Weiterkommens in der UEFA Champions League​ größtmögliche Distanz bewahrt und nach dem Spiel wahre Worte gefunden. Er hat ein Problem erkenntnistheoretisch filetiert, das vor ihm schon viele erkannt und benannt haben, das aber noch niemand so wahrhaftig und schon fast erkenntnisschmerzend auf den aristoteleschen Punkt gebracht hat.

adidas RUMMENIGGE SUPER 2Also Vorhang auf und maximum respect von DGNA für die Worte der Woche, die, wenn sich der Vergleich nicht verbieten würde, auch einem Absinth-durchtränkten Brainstorming von Loriot​ hätten entspringen können. Sie sind die einzig wahre Waffe gegen alle nervigen Auslosungen beim Fußball und überhaupt alles Chaos dieser Welt. Danke, o du Phussball-Philosoph, danke, Karl-Heinz Rummenigge​:

Was mir dabei nicht gefällt: Wir sind einfach alle abhängig vom Schicksal. Aber ich muss offen und ehrlich sagen: Irgendwann reicht’s mir mit dem Schicksal. Wir können nicht immer nur vom Schicksal abhängig sein. Das ist in Zukunft nicht mehr tragbar.

Foto: Adifansnet via Flickr unter CC-Lizenz by-sa

Zuerst erschienen auf Du gehst niemals allein.

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Sport

Bayern München – Juventus Turin 4:2 n.V.

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Und dann war da dieser spezielle Moment, als, kurz nach dem Ausgleich in der Nachspielzeit im Rückspiel eines #Championsleague-Achtelfinales, zu Beginn also einer entscheidenden Verlängerung im Kinosaal bei der Live-Übertragung der Partie FC Bayern München gegen Juventus​ auf der Leinwand der Hinweis erschien, dass der Empfänger geneigt sei, sich in zwei Minuten automatisch abzuschalten, ungeachtet auch der folgenden unflätigen Beschimpfungen der gleichermaßen euphorisierten wie alkoholisierten Zuschauer, die nur unter Aufbringung der letzten Brocken Rest-Vernunft davon abzubringen waren, mit einer engagiert geworfenen Leerbierflasche das zu vollbringen, was eigentlich anderer Leute Job gewesen wäre, nämlich den „Nein“-Button auf dem Digital-Dialog zu betätigen.

Doch nach zwei Minuten wurde es dunkel, und die Lage eskalierte.

Kurz nachdem sich der Mob formiert, bewaffnet und auf einen martialischen Slogan geeinigt hatte, hatte der Empfänger offensichtlich mit dem Kinobetreiber einen Verlängerungs-Deal ausgehandelt – und es ward ein Bewegtbild. Der erste Bayern-Angriff in der Verlängerung lief, das letzte Murren wurde mit Nacho-Resten erstickt, und der Rest ist Europapokal-Geschichte.

Zuerst erschienen auf Du gehst niemals allein

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Politik Sport

„Ich betreibe die Seite www…“ – „Jaja, weiß ich schon.“

tl;dr: In der Datei „Gewalttäter Sport“ steckt jede Menge Excel. Aktuell steht sie auf dem Prüfstand.

Karteikarten Otlet

Familienname, Vornamen, Geburtsnamen, sonstige Namen wie Spitznamen, andere Namensschreibweisen, andere Personalien wie Alias-Personalien, Familienstand, akademischer Grad, erlernter Beruf, ausgeübte Tätigkeit, Schulabschluss, Geschlecht, Geburtsdatum, Geburtsort einschließlich Kreis, Geburtsstaat, Geburtsregion, Volkszugehörigkeit, aktuelle Staatsangehörigkeit und frühere Staatsangehörigkeiten, gegenwärtiger Aufenthaltsort und frühere Aufenthaltsorte, Wohnanschrift sowie Sterbedatum.

Diese Daten können seit 1994 – und seit 2010 rechtsmäßig – von Verdächtigen und Beschuldigten in der Datei „Gewalttäter Sport“ gespeichert werden.

Unter anderem. Als da nämlich noch wären:

Lichtbilder, Gestalt, Größe, Gewicht, scheinbares Alter, äußere Erscheinung, Schuhgröße, besondere körperliche Merkmale, verwendete Sprachen, Stimm- und Sprachmerkmale wie eine Mundart, verfasste Texte, Handschriften und Angaben zu Identitätsdokumenten wie Personalausweis, Reisepass und andere die Identitätsfeststellung fördernde Urkunden (Geburts-, Heirats- oder Sterbeurkunde).

Niemand wird informiert, ob sie oder er in der Datei gespeichert ist. Eine automatische Löschung erfolgt nach fünf Jahren.

In dem Eintrag kann übrigens noch mehr drinstehen:

Angaben zum Aufenthaltsstatus und Aufenthaltsanlass, zu vorhandenen Kenntnissen und Fähigkeiten wie Sprachkenntnisse, Fertigkeiten in der Herstellung oder im Umgang mit Sprengstoffen und Waffen, zu verwendeten Kommunikationsmitteln wie Telefon (Festnetzanschluss oder Mobiltelefon), Telefax, E-Mail-Adresse, vom Beschuldigten betriebene Internetadresse, statische Internetprotokolladresse, dynamische Internetprotokolladresse und zugehöriger Zeitstempel sowie Diensteanbieter.

Aktuell läuft ein Antrag der Grünen, die Datei mal gründlich zu entmisten und die Löschfristen deutlich zu verkürzen.

Und was darf noch alles gespeichert werden?

Angaben zu verwendeten Fahrzeugen und sonstigen Verkehrsmitteln wie Luftfahrzeuge, Wasserfahrzeuge, einschließlich der Registrierdaten zur Identifizierung dieser Verkehrsmittel, zu Identitätsdokumenten und anderen Urkunden, die im Zusammenhang mit einer Straftat stehen und der betroffenen Person zuzurechnen sind, wie die Nummer der Zulassungsbescheinigungen Teil I und Teil II eines Kraftfahrzeugs, zu Konten, Finanztransaktionen, Zahlungsmitteln, zu Vermögenswerten, zu Sachen, die Gegenstand oder Mittel der Straftat waren, wie Waffen, Betäubungsmittel, Falschgeld, Publikationen.

Das ist ’ne Menge Excel. Laut Regierung wird die Datei derzeit evaluiert, „um herauszufinden, was zu verbessern ist“.Außerdem gespeichert werden können noch folgende Daten:

„Personengebundene Hinweise, die dem Schutz des Betroffenen dienen wie „Freitodgefahr“ oder die der Eigensicherung der ermittelnden Bediensteten dienen wie „bewaffnet“, „gewalttätig“, „Explosivstoffgefahr“, die der Ermittlungsunterstützung dienen wie „Sexualstraftäter“, „Straftäter politisch links motiviert“ oder „Straftäter politisch rechts motiviert“.“

(Quelle der möglichen zu erfassenden Daten: BKA-Daten-Verordnung)

Zuerst erschienen auf Du gehst niemals allein

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Sport

Warum die Giovanni Trapattonis Wutrede in Salzburg noch besser war

Da gestern die legendäre Giovanni-Trapattoni-Wutrede volljährig wurde, ploppten natürlich hier und da wieder Ausschnitte mit den längst in den popkulturellen Kanon eingegangenen Redewendungen auf. Ein wenig schade ist es allerdings, dass ein ebenso beachtenswerter Auftritt Trapattonis in Deutschland deutlich weniger Aufmerksamkeit fand.

Denn was der Maestro 2007 als Trainer des FC Red Bull Salzburg den Journalisten in die Mikrofone sprach, hat mindestens das Niveau der berühmten Bayern-Rede. (Die hat jedoch einen ganz klaren Vorteil: Sie ist deutlich kürzer.)

Fußballphilosophisch geht die Zehn-Minuten-Suada Trapattonis nach DGNA-Ansicht sogar teilweise darüber hinaus, was mit „Was erlaube“ und „Flasche leer“ schon als Gipfel der Sport-Aphorismen angesehen wurde. Wir erlauben uns an dieser Stelle, chronistenpflichtig einige Beispiele zu notieren, verbunden mit dem dringenden Hinweis, dass natürlich gerade in diesem Fall nichts über das Bewegtbild geht:

„Ich verstehe die Kritiker über Ergebnis, aber ich kann nicht akzeptieren die Kritiker über Profi, unsere Arbeit.“

„Die verletzt sind nur der Knödel, der Knie e de andere Situation. Nur Gott sei Dank ein paar de Faserrissen. Warum? Erfahrung in Kopf!“

„Fehler sind Fehler, und Verletzungen sind besonders.“

„Ich bin ein Profi über Physiologie, 13 Jahre, 21 Erfolg! Was verstehe Sie wenn gucke eine Training?“

„Musse verstehen, warum wir machen wenig oder nicht. Mussen verstehen, wenn wir läuft 90 Minuten, haben wir bewiesen viele Male.“

„Was kenne Sie über die … was Stress habe die Spieler in Kopf?“

„Ich verstehe de Leute: bezahlt, richtig sein, und pfeif. Kein Problema, lassen pfeif. Is richtig, wir verloren, wir akzeptieren dieses.“

„Ich verstehe in Training, ich verstehe auch die Spieler. Ich verstehe! Nicht Sie!“

„Die Wörter sind einfach, sehr einfach Wörter. Wer kann machen, machen. Wer kann nicht machen, sprechen. Wer kann nicht sprechen, nicht schreiben!“

„Wir sind Führer in Tabelle?! Oh!“

(Der Auftritt in der extended version: https://www.youtube.com/watch?v=jToIQBBJayw)

Zuerst erschienen auf Du gehst niemals allein

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Sport

Ein Einszusieben für die Ewigkeit – ein Spiel, ein Buch, ein Heft

Ich muss zugeben: Ich habe mich bis heute nicht erholt.

Dieses Geständnis wurde jüngst von José Maria Marin abgelegt, dem Präsidenten des brasilianischen Fußballverbandes; und der Mann redet von einem Fußballspiel, das jetzt schon mehr als 250 Tage zurückliegt. Die bereits mit dem Abpfiff legendäre 1:7-Niederlage Brasiliens gegen Deutschland im WM-Halbfinale hat viele Menschen beeindruckt, und so verwundert es wenig, dass bereits ein ganzes Buch einem einzigen Fußballspiel gewidmet wurde.

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Christian Eichler saß am 8. Juli 2014 für die Frankfurter Allgemeine Zeitung in Belo Horizonte auf der Tribüne. Mit “7:1 – Das Jahrhundertspiel” hat er das geschafft, was an jenem Tag den meisten Zuschauern vor Ort und an den Bildschirmen noch misslungen ist: Etwas noch nie Dagewesenes, etwas historisch Einmaliges angemessen in Worte zu fassen. Und angemessen meint hier vor allem: ausführlich, fast 300 Buchseiten hat Eichler zu dem Rasendrama geschrieben.

Handwerklich ist das sehr geschickt gemacht. Statt dröger Kapitel gliedert sich “7:1” in Spielminuten, wobei nicht alle 90 dabei sind, manche sind ausschweifend, manche nur einen Absatz lang. Mit diesem Kniff umschifft der Sportjournalist die Gefahr, sich in den vielen famosen Anekdoten zu verlieren, die er zu dieser Partie zu erzählen weiß. Denn immer, wenn Eichler manchmal doch etwas zu sehr ins fußballliterarische Dauerdribbling abgleitet, kommt schon die Grätsche in Form der nächsten Minute – und Leser wie Autor sind wieder beim Spiel.

Das wird in all seinen jetzt schon so oft wiederholten Stationen unaufgeregt nacherzählt: Von der schnellen deutschen Führung über diese unglaublichen vier Tore in sechs Minuten bis hin zum brasilianischen Ehrentreffer in der Schlussminute. Eichler widmet sich den Geschichten der deutschen Akteure ebenso wie denen der Turniergastgeber, er macht Ausflüge in die Fußballgeschichte, in die Statistik und natürlich in die Psychologie, wenn er erste Reaktionen auf diese sportliche Unerhörtheit detailreich beschreibt.

Das geht nicht immer ganz ohne Pathos ab, bereitet aber dadurch profunden Fußballkennern wie Gelegenheitsguckern gleichermaßen Lesespaß. An einem Rutsch durchlesen muss man die 288 Seiten nicht, man kennt schließlich das Ende. Besser zu verdauen ist dieser Roman von einem Fußballspiel, liest man ihn Stück für Stück, immer mal ein paar Kapitelchen auf einmal. So wirkt diese 90 Minuten dauernde Unerhörtheit gleich viel nachhaltiger.

Seinen wahren Wert dürfte „7:1. Das Jahrhundertspiel“ allerdings erst in vielen, vielen Jahren zeigen. Dann nämlich, wenn die nächste und übernächste WM gespielt und die nächsten Weltmeister ermittelt sind. Wenn das Turnier 2014 längst ein Teil der Sportgeschichte geworden ist und all jene, die dann immer noch genau wissen werden, was sie am 8. Juli 2014 gemacht haben, nochmal genau nachlesen möchten, was für ein außergewöhnliches Fußballspiel jenes WM-Halbfinale zwischen Brasilien und Deutschland gewesen ist.

Christian Eichler: „7:1. Das Jahrhundertspiel. Als der brasilianische Mythos zerbrach und Deutschlands vierter Stern aufging.“ Quality Paperback, Droemer TB, 288 S., ISBN: 978-3-426-30086-2

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Schon etwas früher, im Dezember 2014, hatte Oliver Wurm (hier ein sehr interessantes Interview mit ihm) ein ähnliches publizistisches Konzept in die Tat umgesetzt. Zum Einszusieben produzierte er ein ganzes Sonderheft seiner Reihe „‘54 ’74 ’90 (’14)“ mit dem schlichten, aber wahren Titel „Mehr als ein Spiel“.

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Dessen Vorteil ist vor allem optischer Natur – natürlich. Großartige Bilder, Tränen, Tore, Tragik; da kann Christian Eichler noch so kunstvolle Sprachvolten schlagen, den weinenden David Luiz und den sich kaum noch über das nächste Tor freuen könnenden Toni Kroos muss man einfach gesehen haben.

Überhaupt der Kroos. Im großen Interview agiert er mit demselben pommerschen Gemüt wie auf dem Feld: Kein Wort zuviel, Gefühle zeigt man ohnehin viel zu oft, und aufregen können andere sich besser. Dafür sitzt dann auch fast jeder Satz, Selbstbewusstsein trieft aus jeder zweiten Antwort, ohne dabei allzu arrogant zu klingen.

Im Gegensatz dazu Dante, der zweite Interviewpartner. Der hat noch ordentlich zu knabbern und es ist kein Zufall, dass die Umstände des Interviews fast genauso interessant zu lesen sind wie die Antworten selbst, bei denen man wiederholt ein leises Seufzen mitzulesen glaubt.

Auf 54749014.de sind alle WM-Hefte von Oliver Wurm als E-Paper erhältlich.