Techniktagebuch aus dem Jahr 1999: Der Kassettenadapter

Dieser Text entstand vor allem für das großartige Techniktagebuch. Dort schreiben viele Menschen, die sich ab und an über das ganze Gedöns mit Knöpfchen, Reglern und Schaltern wundern, alles auf, was im Moment vielleicht langweilig sein mag. „Aber in zwanzig Jahren …“
Gut, dass es das gibt.
(Und der Text geht da ein bisschen anders.)

Wenn ich meine Kinder erstaunen möchte, was mit ihrem (und meinem) Alter zunehmend schwieriger wird, hole ich ein Technik-Ding aus einer Kiste von Technik-Dingen, die ich eigentlich mal wegschmeißen müsste. Neulich war es dieser Kassettenadapter:

Kassettenadapter

Papa, was ist das? Sieht aus wie eine Kassette (ja, habe ich ihnen schon beigebracht, gezeigt und vorgeführt), hat aber noch ein Kabel nebst Stecker dran. Wozu?

Weil, liebe Kinder, früher die Autos Kassettenabspielgeräte statt eines Bluetooth-Sensors oder USB-Eingangs hatten. Und in der Zeit, wo dann die CDs modern wurden, die Autos aber noch keine CD-Player besaßen, war dies die goldene Lösung. Man musste einen tragbaren CD-Spieler kaufen, diesen mit dem Kabel des Kassettenadapters verbinden und jenen ins Kassettenfach des Autoradios stecken. Dann konnte man auch ohne CD-Spieler im Auto eine CD hören.

Es sei denn Kopfsteinpflaster.

Oder Akku aus.

Ach …

In Brüssow tanzte die Jugend mindestens einmal im Monat

Aus der Reihe, die bisher noch gar keine Reihe war und vielleicht auch nie eine werden wird, wenn sie es aber würde, dann mit dem Namen: „Perlen aus dem Stadtarchiv“.

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Wie gefragt ist eigentlich Jugendtanz?

Diese Frage stellte die „Freie Erde“ im Januar 1973, um sie anlässlich der X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten auf einer halben Seite mit einem klaren „Sehr!“ zu beantworten. Und zugleich – im Rahmen des Möglichen – auch die dürftigen Angebote zu kritisieren:

Doch wie sieht es damit in Wirklichkeit aus? Vielerorts sind die Jugendlichen unzufrieden, weil eben nichts los ist. Die Verantwortlichen schieben sich gegenseitig den Schwarzen Peter zu. Es kommt zu keinen Ergebnissen. Und deswegen muß man diese Frage ganz offen stellen.

Nun, daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Im Artikel geht es dann vor allem ums Schwoofen in Brüssow in der Uckermark, das mindestens einmal im Monat in der Gaststätte „Seeblick“ organisiert wurde, „einem Schmuckkästchen, sehr einladend“. Davor hatten’s die Brüssower Partypeople nämlich nicht einfach:

Tanzveranstaltungen machten wir zwar öfter, aber es stand uns dafür nur ein Raum im Kreisbetrieb für Landtechnik zur Verfügung. Die Atmosphäre war überhaupt nicht schön, es standen dort leere Bierkästen umher. Und das war für uns Anlaß, unsere Veranstaltungen niveauvoller zu gestalten.

Und so sah es dann schließlich aus, das hohe Niveau im „Seeblick“: Ein Tisch mit XXL-Tischdecke, zwei Tische für die Lichtanlage, der Stereo-Schallplattenspieler schon aufgebaut und angeschlossen; und drumherum jede Menge Pilzkopf-Checker in Rollkragenpullis. Keine hässlichen Bierkästen weit und breit, dafür ein Aufpasser-Homie im weißen Kittel sowie Fenstervorhänge, deren psychotisierendes Muster vermutlich einen Großteil der damals üblichen Rauschmittel ersetzen konnte. Sicherheitshalber wurde dieses Bild dann auch nur schwarzweiß gedruckt:

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Fazit: Früher war alles immer schon ganz genauso, nur eben anders. Und: Ich bin schon gespannt, wie und wo ich im Jahr 2061 zufällig auf einen Bericht über heutige Jugendtanzveranstaltungen stoßen werde.

Die Prinzen: DT64 bleibt

Der kurze Beitrag der Thomaner-Crew zum Kampf um einen Radiosender. Mehr dazu hier und in dieser einstündigen Doku auf Youtube (Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4), die die Nachwendezeit von DT64 genau und kenntnisreich beleuchtet.

Standardsituationen im Fußball und die DDR

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Es gibt ja generell nicht ganz so viele Dinge, die die DDR in die Deutsche Einheit einbringen konnte. Das Land stand ’89 kurz vor dem Staatsbankrott, liest man da immer wieder. Dann hatten die Leute kaum Zeit und noch weniger Nerven, sich von Mauerfall bis D-Mark zu besinnen und mal ’ne Inventur zu machen und nachzudenken, was ist Kunst und was kann weg. Wenn dann mal zu den einschlägigen Jubiläen flink Beispiele gesucht werden, findet man im Normalfall Produkte wie Rotkäppchen-Sekt, Bautz’ner Senf oder Nudossi, Wörter wie Broiler, Datsche oder Soljanka und dann vielleicht noch die Kindergärten-Dichte und den Grünen Pfeil.

Doch im Fußball?

Hans Meyer sitzt im Präsidium von Borussia Mönchengladbach seine Rente ab, Matthias Sammer hat das Haifischbecken Bayern München verlassen, und Toni Kroos wurde erst geboren, als die DDR schon hastig ihre Auflösung plante. Das jüngste 11-Freunde-Spezial zur DDR ist vergnüglicher Lesestoff für die Zielgruppe und hat sogar eine Neubrandenburg-Story, doch im Prinzip kannste auch da den „Opa erzählt vom Krieg“-Stempel raufpfeffern, und keiner könnte meckern.

Doch dann kuckste Tschämpjenslieg, und der Reporter reportiert begeistert von den Standards, den die Mannschaft so meisterhaft beherrscht, DIESE STANDARDS, LIEBE ZUSCHAUER! STANDARDS VOM ALLERFEINSTEN! Ein Beispiel aus dem Lehrbuch der Standardsituationen sei dieser Freistoß da eben gewesen, und dann denkste, wenn der Typ nochmal Standard sagt, flippste aber aus, und er sagt EIN SUPPASTANDARD!, und du willst eigentlich ausflippen, landest aber dann doch wieder nur irgendwo im Internet und erkundigst dich beflissentlich über die Herkunft der Fußballvokabel „Standardsituation“.

Und schwupps!, da sind wir dann schon wieder bei der DDR.

Der Begriff tauchte im Fußball erstmals in den 1970ern in der DDR auf. Im westdeutschen Fußball wurde der Begriff gegen Ende der 1980er Jahre übernommen.

Behauptet das Lexikon. Stichprobe im Spiegel-Archiv:

„Manndecker“, neben den „Standardsituationen“ die derzeit gängigste Kreation aus dem unerschöpflichen Reservoir deutscher Sportsprache, sind ganz offensichtlich wieder in.

Das wird im „Spiegel“ vom Dezember 1987 festgestellt, und vorher habe ich keine Fußball-Standards dort gefunden. Auch im Zeit-Archiv wird 1986 noch ein schnöder „langer Paß auf den Flügel und dann Flanke nach innen“ als Standardsituation bezeichnet. Im Rechtschreib-Duden taucht „Standardsituation“ erstmals 1986 auf. Über das 1988 erschienene Buch „Standardsituationen“ des Schriftstellers Eckhard Henscheid heißt es etwas muffigböse:

Der Wechselbalg stammt aus dem Sumpf der neudummdeutschen Sportreportersprache und bezeichnet – unter anderem – das, was ehedem Einwurf, Ecke, Strafstoß hieß.

Stichprobe im Archiv des „Neuen Deutschlands“, des früheren SED-Zentralorgans. „Zwei Standardsituationen zum Erfolg über Rumänien genutzt“, heißt es dort schon 1973, und das ist beileibe nicht der einzige Treffer in den Siebzigern. Wer die Möglichkeiten und die Muße hat, wird sicherlich noch frühere Fußball-Standards in der DDR-Schriftsprache aufspüren können.

Nur: Warum? Nun, „Standards“ fassen Dinge zusammen, die vorher mühsam haben aufgezählt werden müssen: Anstoß, Freistoß, Eckball, Einwurf. Nur logisch, dass sich der Begriff durchsetzt, der Mensch ist eben ein bequemer. Aber wieso entsprang die neue Bedeutung ausgerechnet im Osten Deutschlands? Die Antwort gibt eine Publikation der Arbeitsstelle für Hochschuldidaktik der Universität Zürich aus dem Jahr 2008.

In „Standardsituationen – Die universitäre Lehrveranstaltung als Fussballspiel“ (PDF) erklärt der Schweizer Historiker Christan Koller die Hintergründe. Er schlägt dabei einen Bogen vom Gefechtsdrill bei der Armee („… lag das fussballerische Training dabei im Trend sowohl der zivilen als auch der militärischen Didaktik …“) über Turntraditionen („Mit der Einübung standardisierter Bewegungsabläufe bei stehenden Bällen im Fussball wurde einerseits ein Stück alter Turnerkunst aufgegriffen“) bis hin zum „Wissenschaftlichen Sozialismus“, und konstatiert:

Disziplinen, bei denen standardisierte Spielzüge eine wichtige Rolle spielten und die sich deshalb im Geiste des «Wissenschaftlichen Sozialismus» analysieren und trainieren liessen, hatten in der Sportpolitik des «grossen Bruders» Sowjetunion seit jeher eine wichtige Rolle gespielt.

Kein Wunder also, so Koller, dass die Sowjets in Schach und Eishockey so gut waren. Und kein Wunder ebenso, dass in der DDR, wo einerseits die Sowjetunion in jenen Zeiten gerne als kulturelle Blaupause verwendet wurde und andererseits der Fußballsport aufgrund der bescheidenen Erfolge in den Siebzigern (Olympia-Bronze, -Gold und -Silber, das 1:0 von 1974, der Europapokal-Sieg des 1. FC Magdeburg) Konjunktur hatte, das sozialistisch Planbare, Messbare, Einübbare im so chaotisch-individuellen Fußball fleißig mit einer neuen Wortbedeutung hervorgehoben wurde.

Dass diese „Standards“ sportsprachlich auch sonst eine ziemlich gute Idee gewesen waren, zeigte sich allerdings erst ein Jahrzehnt später, als die Standardsituationen aus dem „Sumpf des Neudummdeutschs“ in den gesamtdeutschen Sportwortschatz einsickerten. Heute ist die Genese des Begriffs zwar zumeist unbekannt, seine Popularität aber dennoch ungebrochen. Und damit das hier nicht allzu trocken endet, habe ich mal aus dem aktuellen Weltfilmangebot ein paar knuffige Standards herausgefischt:

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