Der Bauarbeiterpausenschnack

Handy Manny vs. Bob the Builder (52/365)

Foto: JD Hancock via Flickr unter CC-Lizenz by

Seit einiger Zeit gibt es eine Baustelle irgendwo in Mecklenburg. Keine große, ’n büschen Buddelei, Dinge heilmachen und wieder zu das Loch. Ich komme regelmäßig dort vorbei und kannte die Jungs also schon, die da abwechselnd mit ihren Händen und schwerem Gerät umherfuhrwerkten.

Heute aber hätte ich sie fast nicht wiedererkannt.

Die Männner sind alles in allem typische Vertreter ihrer Zunft. Von kräftiger Gestalt mit subtiler Neigung zur Kugelbäuchigkeit verrät ihre Kleidung einen ausgeprägten Sinn für Pragmatismus, Bequemlichkeit und bewusster Distanz zur zeitgenössischen Baustellenmode. Sie wirken wortkarg, haben allerdings ein differenziertes und für Außenstehende vollkommen unverständliches internes Kommunikationssystem entwickelt, das zum größten Teil – und soweit wie ich es bislang entschlüsseln konnte – auf variierten Brummtönen in Verbindung mit passenden Kopfnickbewegungen basiert. Ein herzhaft gegröltes „EY DU ARSCH!“ gilt hingegen als zärtlicher Gipfel der Bauarbeiterzuneigung.

Nur heute, heute war das ganz anders.

Denn heute hatte die Baustelle Besuch. Angelockt von der kuhlen Mini-Baggerraupe kamen alsbald drei Jungs des angrenzenden Kindergartens mit ihren Plaste-Kippern, Spielzeug-Kränen und getunten Laufrädern angeflitzt. Sie präsentierten sich und ihren bunten Kinder-Fuhrpark stolz am Grenzzaun, direkt gegenüber den Bauarbeitern, die auf der anderen Seite gerade eine Pause machten.

Es war ein herrliches Bild: Hier drei kleine Jungs, da drei große. Die Großen hatten jeder eine Kippe im Mund und machten auch keinerlei Anstalten, das Rauchen in Gegenwart der Kleinen einzustellen. Die Kleinen plapperten wild durcheinander und bombardierten die Großen mit Fragen sowohl zum aktuellen Baufortschritt als auch zur generellen Situation in der Branche. Man höre ja so vieles, was sei denn nu dran an den Geschichten, und überhaupt: wie funktioniert diese Baggerraupe da eigentlich genau?

Das ging dann so eine ganze Weile. Frage, Antwort, Frage, Antwort, wieder und wieder, ein stetiges Hin und her. Es war ein großes Jungs-Gerede im Gange, die Frühlingssonne schien, es war ein Scherzen und Lachen, und es wollte gar kein Ende nehmen. Und ich wette, dass wenigstens einer der Arbeiter seit dem Wochenende nicht so viel und vor allem so angeregt mit seiner Frau geschnattert hat wie heute mit dem Baumeister-Nachwuchstrio. Und ich wette auch, dass den Männern die Arbeit nach dem spontanen Pausenschnack ein bisschen einfacher von der Hand gegangen ist.

Hunderprozentig sicher bin ich mir allerdings, dass der Talk am Zaun noch länger als diese zehn Minuten gedauert hätte, wenn nicht die Erzieherin gerufen hätte. Die kleinen Jungs flitzten brav zurück, die großen lachten ihnen kurz nach, sahen sich kurz an und schalteten dann mit einem leisen Seufzen wieder in den Brumm-Nick-Modus. Die Arbeit konnte weitergehen.

Im Kindergarten, zum letzten Mal

Aber über Kindergärtner und Kindergärtnerinnen kann man nie genug Gutes schreiben.

Derart kommentiert ich an dieser Stelle; und dann möchte ich mal – zumal es einen Anlass gibt – mit ein paar Absätzen voranschreiben.

* * *

Seit einigen Jahren fahre ich fast jeden Wochentagsmorgen in die Neubrandenburger Südstadt. Direkt neben den wuchtigen Elfgeschossern an der Bundesstraße steht dort ein Plattenbauquader mit zwei Etagen. Dem Kindergarten ist seine spätsozialistische Architektur nicht mehr anzusehen, viele Jahre, viel Geld und viel guter Willen haben ihn in ein buntes Kinderhaus verwandelt – das Kinderhaus „Windmühle“.

Jeden Morgen habe ich erst unsere Töchter, später dann alle drei, jetzt nur noch unseren Sohn dorthin gebracht; sie in die Storchengruppe, ihn zu den „Kessen Spatzen“. Habe auf Kinderbänken sitzend ihnen dabei zugesehen wie sie Reißverschluss lernten, Schnürsenkel lernten, Tachsagen lernten. Und wie sie das erste Mal vor Spielaufregung vergaßen, mich drückenderweise zu verabschieden.

Alle drei Kinder haben das große Glück gehabt, jeweils von einer tollen Kindergärtnerin beim Großwerden begleitet zu werden. Zwei Frauen mit weitem Herzen, immer offenen Ohren und potenziell kräftiger Stimme. Große Menschen, die spürbar gerne mit kleinen Menschen umgehen, und die zu einem Teil aus unseren Kindern das gemacht haben, was sie heute sind.

Und ja, ich weiß, es heißt Erzieherin, aber trotzdem. Ben beschreibt in seinem Blog den äußerst lebendigen Begriff so:

Man ist nicht Kinderaufpasser oder Kinderwart oder Kinderlehrer … man ist Kindergärtner. Man sät und pflanzt und gibt dem Wachstum Richtung und Ordnung, man jätet etwas Unkraut, und wenn die kleinen zarten Pflänzchen stark genug sind, kommen sie in die Baumschule.

Und soweit ist es jetzt gekommen, er ist eine starke Pflanze geworden, die Baumschule ruft. Heute stellt er zum letzten Mal die Straßenschuhe unter die Sitzbank, schlüpft in die Drinnen-Sandaletten, sagt artig Hallo und tut dann Dinge. Und wenn er am Nachmittag abgeholt wird, dann ist sie für uns erst mal vorbei, die Zeit der Kindergärtnerei.

* * *

Vielen Dank, Haike! Vielen Dank, Ines! Stellvertretend für alle engagierten, geduldigen, begeisternden, konsequenten und liebevollen Kindergärtnerinnen und Kindergärtner.

Worüber Kindergärtnerinnen sich freuen

Wir so: „Hui, woher hast du denn dieses putzige Plastedingens?“
Er so: „Den hat mir Tante Brigitte aus dem Kindergarten zum Geburtstag geschenkt.“
Wir so: „Oh, toll! Das ist ja ganz schön nett von ihr. Aber Tante Brigitte ist aber auch immer ganz lieb zu dir, oder? Wir könnten ihr ja auch mal eine Kleinigkeit schenken, oder was meinst du?“
Er so: „Ja! Vielleicht Bier oder so.“

(Hinweis: Wir verschenken manchmal Wein oder Sekt, Bier allerdings nie. Und selbst wenn ich höchst kritisch über meinen häuslichen Bierkonsum nachdenke – das kann nicht der Grund sein. Schuld müssen also die Medien™ sein.)

Drei Hosen für ein Halleluja

Im Tierpark Berlin

Hose eins

Sie war hinüber, als das Lottchen fand, zu wenig Marmelade auf ihrem Brötchen zu haben.

Ein perfekter Anlass, um die bereits vorher schon dezent angedeutete Unlaune nun endlich auch akustisch ausdrücken zu können, mit anderen Worten: sie fing an zu jammerschreiweinen. Nun könnte man einwenden, dass doch der anwesende Vater mit einem gütigen Dann schmier halt noch hundertfuffzig Gramm obendrauf!, verbunden mit einem nachsichtigen Lächeln, dem Katzenkonzert Einhalt hätte gebieten können. Die einfache Antwort: Er hat. Doch wenn sie jammerschreiweinen will, dann jammerschreiweint sie. So einfach kompliziert ist das.

Ach so, die Hose: Es tönte also infernalischer Lärm, Luise fragte zum achten oder zwölften Mal nach, ob ich ihr bitteschön das Honigglas aufmachen könne und unterstrich ihr Anliegen mit permanentem Messer-auf-Küchentisch-Geklopfe, Charlotte wollte aber partout die Lauteste sein und legte noch ein paar Schippen Jammerschreiweinerei obendrauf. Papa also abgelenkt. Heinrich stand plötzlich auf seinem Hochstuhl, wo er doch darin sitzen sollte; zu allem Überfluss hatte er sich ein halbvolles Saftglas vom Tisch gemopst. Der frisch angezogene und vollkommen zugelärmte Vater hatte nun die Wahl: Saftglas oder Sohn festhalten. Klarer Fall, die Belohnung ergoß sich dann über das rechte Hosenbein und etwa ein Fünftel des Küchenbodens.

Na ja.

Hose zwei

Hielt ungefähr eine halbe Stunde.

Alle waren nun angezogen, es ging ans Aufhübschen. So Zöpfe machen ist morgens eine gute Gelegenheit, den Puls zu entschleunigen, das Tempo aus der Familie zu nehmen und den Übergang in die Kindergartenhektik harmonisch zu gestalten. Anders formuliert: Ich brauche da immer ganz schön lange für. Und da es in der Natur der Geschlechtersache liegt, ist der Sohn zu dieser Zeit eher unbeaufsichtigt.

Kein Problem, mittlerweile kenne ich seine hot spots und ungefähr auch die Zeit, in der ich diese regelmäßig aufsuchen sollte, um unsere Hausratversicherung nicht überzustrapazieren. So dachte ich nichts dabei, als ich ihn vom Badschrank weglotste, an dem er zuvor rumgefummelt hatte. Alles wäre gut gewesen, hätte nicht eine besonders penible Hirnregion Alarm geschlagen: „Der Schrank ist noch offen! Der Schrank ist noch offen!“ In der Tat, die Schranktür war nicht ganz zugegangen. Als ich nachsah, wusste ich auch, warum: Ein Babylotionfläschen war tückisch zwischen Einlegebrett und Tür platziert. Tür auf, Flasche fällt, platzt auf, Lotion auf Hose.

Na ja.

Hose drei

Machen wir es kurz.

Der Abschied nahte. Großes Kind in den Kindergarten, anderes Großes und Kleines blieben krank zu Hause. Noch in die Schuhe geholfen, Mütze auf, und ab dafür. Währenddessen permanent Heinrich vom rechten Hosenbein geschüttelt. Warum müssen sich Kinder eigentlich an die Beine von Erwachsenen hängen? Ist das evolutionär bedingt? Hatte das zu Höhlenzeiten mal einen praktischen Sinn? Wie dem auch sei, immerhin hatte Schnupfen-Heinrich nach der Hosenklammerei wieder eine saubere Nase, wogegen die rechte Knieregion gut durchschleimt war.

Fazit: Vielleicht sollte ich die Vormittage mit einer zerbeulten, zu großen und vollkommen mit Farbklecksern verzierten Maler- und Umzugshose bestreiten. Ich habe nur große Angst, dass ich mal vergessen könnte, mich vor dem Kindergarten oder Arbeit noch umzuziehen.