„Daß der Natur ein Meisterstück gelingt“

Wenn die Natur in ihrer Stärke
Vernichtung und Verderben bringt,
Dann ist sie gleich darauf am Werke,
Daß ihr ein Meisterstück gelingt.

Vor Zeiten brach die Ostseewelle
Verheerend über Dün’ und Land!
Nun seht nur, was an dieser Stelle
Gleich für ein Wunderwerk entstand!

Als sich die grimm’gen Ostseewogen
Dann ausgetobt in ihrer Gier,
Und in ihr Bett zurückgezogen –
Da ließen einen See sie hier.

Vom Meer getrennt nur durch die Düne
Liegt nun der See ganz friedlich da.
Ringsum der Wald. Nur auf der Bühne
Bisher ich solche Landschaft sah.

Das Gedicht hat keinen Namen, der Verfasser ist unbekannt. Es stammt aus einem Prospekt der Badeverwaltung Kölpinsee aus dem Jahr 1929, darauf gestoßen bin ich vor längerer Zeit über diesen Blogeintrag des Usedomspotters Hans-Jürgen Merkle.

Kölpinsee also. Der Name kommt aus dem Slawischen und bedeutet Schwanensee, der Ort liegt auf Usedom zwischen Koserow und Stubbenfelde, zwischen Bundesstraße 111 und Ostsee. Als Heinrich noch jung war, war ich mal ein paar Wochen lang mit ihm auf Kur. Es war ein Winter in Kölpinsee.

Es war sehr schön dort. Ruhig, kalt, leer, Ostsee. Diese Luft! Fast jeden Tag ein großer Spaziergang, oft durch den Schnee, immer packedicke angezogen. Nur wir zwei, zu den anderen Mamas und Kindern hielten wir meist respektvolle Distanz. Geordnete Tage, ein bisschen Turnraumsport hier, ein wenig Fortbildung für mich da, zwischendurch viel Freizeit, Ruhe, Essen, Schlafen, Zeit verbringen.

Kölpinsee ist deshalb besonders, weil der große Tourismus am Ort größtenteils vorbeihuscht, gerade eben im Februar. Dann ist da wirklich gar niemand, der nicht wirklich da sein möchte. Keine Camper, keine Wochenendhauptstädter, keine Ferienwohnungssachsen. Nur das Meer und der Himmel und die Luft. Erwähnte ich, wie großartig frostige Meeresluft sein kann, wenn man nach einem langen Spaziergang warm geworden ist und die Wintersonne einen die Augen zusammenkneifen lässt?

Kölpinsee ist ein schönes Fleckchen Erde und für mich eine sehr schöne Erinnerung.

Kölpinsee

Take five in Warnemünde

sax

Nanu? Kurz umgeschaut, ob irgendwo eine Kamera aufgebaut, ein Mikrofon in Position gebracht war. Nichts. Hier, auf der Strandpromenade von Rostock-Warnemünde, an einem Wintersamstagabend, wurde offenbar kein Film gedreht. Hätte aber sein können.

Es hatte den ganzen Tag geschneit. Nicht viel, aber genug, um draußen alles mit einem sanftweißen Schalldämpfer zuzudecken. Warnemünde schlief noch nicht, für Ende Januar war gut was los. Lichterketten leuchteten den Weg am Alten Strom zum Abendbrot und zurück, an Buden wurde der letzte Glühwein ausgeschenkt, in Bars schepperte Livemusik, vornehmlich Paare mittleren Alters schlenderten frisch durchgespa-t zum Restaurant, wo man den abendlichen Rioja endlich mal ohne die Tourimassen genießen konnte.

Mild war es geworden, der Schnee klebte schon ein wenig, wir waren sitt und satt und guter Laune – beste Schneeballschlachtvoraussetzungen also. Eine verwaiste Bistroterrasse am Strom diente als Festung, die das Team Männer einzunehmen gedachte. Team Frauen wehrte sich standhaft. Als ein verunglückter Wurf zwei neutrale Omis erschreckte, beschlossen wir, eine Halbzeitpause einzulegen.

Und dann stand er da. Mitten auf der Promenade, vor einem verrammelten Kiosk, im Sepia-Schein der Straßenlaterne. Rübezahlfrisur und Vollbart und ein Saxofon in der Hand. Der Mann spielte Take Five und machte sich offenbar wenig bis gar nichts daraus, das kaum jemand da war, der ihm zuhörte. Dieser Januarabend war vermutlich einer der ungünstigsten Zeitpunkte des ganzen Jahres, auf der Warnemünder Strandpromenade mit Kleinkunst Publikum anzulocken.

Allerdings sah es so aus, als wollte der haarige Sax-Mann vor allem diesen so schönen Winterabend durch ein bisschen Freiluftjazz noch schöner machen. Was ihm bei uns fünfen gelungen ist, vielen Dank! Denn noch beschwingter als ohnehin schon absolvierten wir auf einer nahen Wiese die zweite Schneeballschlachthalbzeit, gedämpfte Saxofon-Improvisationen wurden mit Freudenschreien und Treffergejaule angereichert, und Take Five pfeifend stiegen wir mit roten Wangen und Nasen ins Auto.

Und sahen beim Davonfahren ein Pärchen, das in respektvoller Distanz zu dem entrückten Saxofon-Mann im Halbdunkel auf der Promenade stehenblieb und tief durchatmend die Köpfe aneinanderlegte.

Die Spaßbad-Chroniken VII – Der Epilog

„Spaßbad“ ist ja auch so ein Begriff …
… und das geschah bisher: Teil I, Teil II, Teil III, Teil IV, Teil V, Teil VI

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desiccated

Jonas Ginter via Flickr unter CC-Lizenz by-nc-sa

Warum eine sechsteilige Serie über Spaßbäder? Tja. Warum nicht? Ich habe gefühlt in einem halben Hundert Bädern gespaßt, in echt waren es bestimmt dreißig Besuche in zehn Bädern. Da kommt dann einiges zusammen an Spaß-Erfahrungen, die ich gerne mit anderen Betroffenen teilen möchte.

Den vergangenen Winterurlaub haben wir in Sichtweite einer Therme verbracht, und es war sehr schön. Nicht nur, dass die Kinder jetzt schwimmen können und nicht mehr stundenlang mit erstaunlicher Klammerkraft an den Oberkörpern der Eltern ausharren. Auch die Sauna nebenan und die vergleichsweise geringe Zahl der gleichzeitig Spaßbadenden trug zum größtenteils vergnüglichen Badeurlaub im Februar bei.

Demnächst wird die Zeit kommen, wo sie uns nicht mehr zum Baden mitnehmen oder gleich andere Freizeitmöglichkeiten entdecken werden. Und wenn alles richtig gut läuft, werden sie irgendwann das Bade- und Schwimmvergnügen in beheizten und überdachten Hallen vollends verschmähen und die – wenn auch nicht ganzjährige – Großartigkeit der besten Plantschdestination aller Zeiten hier gleich umme Ecke zu schätzen wissen.

Denn das beste Spaßbad ist immer noch das Meer.

… dass schon lange keine Musik mehr gespielt wurde

Es war ein ruhiger Tag. Wir hatten am Vormittag ganz ordentlich geübt und wollten jetzt noch mal aufs Wasser. Zwar blies der Wind eher dürftig, doch musste die Woche gut genutzt werden, um am Freitag die Prüfung zu bestehen. Vor- und rückwärts ging schon ganz gut, beim Umdrehen flogen die meisten aber noch regelmäßig ins fast wellenlose Salzhaff. Der Praxis-Schein in Windsurfen war notwendig für den Magister in Sportwissenschaften, die Spätsommerwoche an der Ostsee zählte – zumindest bis zu diesem Dienstagnachmittag – zu den schöneren Pflichten des Studiums.

Nach dem traditionell eher späten Frühstück krochen wir jeden Tag in die Neoprenanzüge, schnappten uns Brett und Segel und ließen uns erst wieder ans Ufer zurücktreiben, wenn die Kraft nicht mehr fürs Segelhalten reichte oder das Mittagessen lautstark angekündigt wurde. Es war ein dankbares Fleckchen Meer, flach, überschaubar, und stets weht ein sanfter Antrieb mit Windstärke zwei bis drei.

Die Gemeinschaft der Surf-Eleven war eine recht verschworene. Viele kannten sich schon vorher; die Zahl der Sportstudenten an der FU Berlin war Anfang des Jahrtausends auf ein sehr überschaubares Maß geschrumpft, denn lange sollte es den Studiengang nicht mehr geben. Wir waren zusammen auf dem Wannsee gerudert, hatten uns im tiefsten Spandau Badminton beigebracht und zusammen Tausende BVG-Kilometer zwischen Sportstätten und Seminaren absolviert.

An der Ostsee hörten wir diese coole, neue Band Seeed auf Dauerschleife, feilten in den Surf-Pausen an unseren Skills im Beachvolleyball und ruhten abends mit Dosenbier am Strandlagerfeuer. Ein paar Männlein und Weiblein spielten etwas unbeholfen das ewige Spiel; die meisten jedoch konnten die Zeit richtig genießen und die Studentenseele baumeln lassen.

Das Mittag war also vorbei und wir lungerten auf den Bänken zwischen den Bungalows herum. Irgendwo dudelte ein Radio, leider gerade keine Musik. Wir spielten Skat, eher uninspiriert, es war ein gutes Mittagessen gewesen, und das Kartenspiel sollte einfach nur den inneren Schweinehund besänftigen, damit der nicht plötzlich eifrig aufspringt und auf den Wellen reiten will. Irgendwo dudelte eine Radio, immer noch keine Musik. Die Sonne schien, noch recht träge schlurften die ersten Schnellverdauer in Richtung der Surfbretter.

Ich staune, wie genau ich heute noch weiß, auf welcher der vielen Bänke ich in diesem Moment wie gesessen habe: auf der in der Mitte, zur Ostsee hin, seitlich, je ein Bein links und rechts runterbaumelnd. Irgendwo dudelte ein Radio. Wir waren gerade beim Reizen, als jemand bemerkte, dass schon lange keine Musik mehr gespielt wurde.

Komisch.

„Machma lauter!“

„… Flugzeug … World Trade Center … ist nicht auszuschließen … Terrorismus …“

Am späten Abend riss ich mich mal kurz vom Fernsehen los, um meine Lieben anzurufen. Am nächsten Tag kaufte ich den örtlichen Kiosk leer, um in den Zeitungen und Magazinen gegen das Unbegreifliche anzulesen. Später in diesem Jahr passierten dann noch andere doofe Dinge, die aber nichts mit der Weltpolitik, sondern nur mit meinem Leben zu tun hatten.

Ende 2001 war in der Summe schlimm, und es fing an genau heute vor 13 Jahren. Als irgendwo am Meer ein Radio dudelte, aber schon lange keine Musik mehr gespielt wurde.

Meer

Dieser Text ist Teil der Blogparade „Mein Text zum Meer“, die jüngst auf dem Jazzblog gestartet wurde. Und da es Texte zum Meer ja gar nicht genug geben kann: Macht mit und schreibt doch auch einen!

Ostseeblick

Das war am Wochenende schon kein Nebel mehr, aber auch noch kein Regen. Auch Niesel trifft’s nicht, eher noch könnte man es mit „der Himmel hatte gerade einen kräftigen Schluck Wasser genommen und musste wegen eines guten Witzes plötzlich alles auf einmal rausprusten“ adäquat beschreiben. Dazu achteinhalb Grad Celsius und die Weltfarbe grau.

Es ist das perfekte Wetter, um sich mal wieder alte Bilder anzusehen.

Und wie ich so durch die Ordner stromere, fällt mir ein Motiv auf, das sich jedes Jahr wiederholt. Und zwar ausnahmslos. Meist gehört das Bild nicht zu den aufregendsten, es beruhigt durch Reduktion aufs Wesentliche und den Mangel an Bewegung, Leben, Gesichtern.

Es zeigt einen Menschen vor der Ostsee. Man sieht nur seinen Rücken, ab und zu verweht ein deftiger Seitenwind seine Frisur. Er hat die Hände in den Taschen (wenn er denn Hosen mit Taschen anhat) oder vor der Brust verschränkt oder in die Hüfte gestemmt oder lässig seitlich baumeln. Er steht da ganz ruhig, wahrscheinlich verharrt er für einige Momente.

Dieser Mensch braucht jetzt gerade gar nichts anderes, nur sich und frische Luft und das Meer. Die uralte Frage, ob der regelmäßige Wellenschlag seine Füße erreichen wird, ist ihm genug an Spannung; die ab und zu durch seinen Blick segelnden Möwen oder schippernden Boote reichen ihm an Aktion. Denn er muss demütig einsehen, dass er der Mensch ist und das da vor ihm das Meer.

Das Riesenwasser füllt den halben Horizont aus, er kümmerliche zwei Fußstapfen. Das Wasser hat alles, was er kennt, hervorgebracht, er hat bisher ein bisschen gebaut, gezeugt, gepflanzt, geschrieben. Noch in Tausend Jahren wird das Meer hier sein, er dagegen muss nachher gleich los, Abendbrot essen. Und irgendwann ist er ganz weg.

Dieser Mensch auf den Bildern ist manchmal ein Kind oder zwei oder drei, mal ist es eine Frau, mal ein Mann. Mal ist es Winter, mal Sommer, mal früh, mal spät. Immer aber ist es das gleiche Motiv: Ein Mensch schaut aufs Meer. Die Fotos sind nicht inszeniert, niemals hat der Knipser gesagt: „Ey, los jetzt, ab ans Ufer, Augen aufs Meer, und dann stillgestanden!“ Irgendwann an diesem Tag am Meer steht plötzlich jemand allein am Ufer und glotzt in die Gischt und hält inne und atmet ganz tief durch.

Und es ist nichts anderes, als es der Mensch mit seinem Auto an Tankstellen macht: Er kommt da hin, bezahlt mit ein wenig Lebenszeit und bekommt Meeresmomente.

Einmal voll, bitte! Und den Kanister auch gleich noch.

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