Als Hansa gegen Barca spielte und das Stadion nur zu einem Drittel voll war

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An jenem Tag vor 26 Jahren, an dem Barcelona an die Ostsee kam, sah ich nicht nur mein erstes Europapokalspiel, sondern lernte auch etwas über die Marktwirtschaft.

Erste Runde im 37. und letzten Wettbewerb der europäischen Landesmeister, der letzte DDR-Meister Hansa Rostock wird Barca zugelost. Im Camp Nou verliert Hansa klar mit 0:3, das sportliche Interesse am Rückspiel gegen den späteren Pokalsieger hält sich also in Grenzen. Zubizarreta, Guardiola, Koeman, Eusebio, Stoitschkow und Laudrup würden das schon schaukeln, da waren sich alle einig. Aber dennoch: BARCELONA! Es war 1991, die deutsche Einheit war 364 Tage alt, und alles, was damit zusammenhing, war noch so neu und aufregend und bunt und laut und duftend und unbedingt erstrebenswert – erst recht, wenn man 14 Jahre alt war und durch eine verdammt glückliche Fügung der Geschichte eine Eintrittskarte für dieses Spiel angeboten bekam.

So lief also ein aufgeregter Teenager am 2. Oktober 1991 mit einer guten Freundin seiner Mutter (Danke nochmal, Sylvie!) durchs Rostocker Hansaviertel, um den Freund der Freundin zu treffen. Der Mann, der gute Verbindungen zu Hansa hatte, wartete schon ungeduldig auf den Treppen irgendeines riesigen konspirativen Gebäudes, um hastig die Bekannte zu drücken und uns die Karten zu geben. Plötzlich direkt auf dem Grat zwischen Halblegalität und Klüngelwirtschaft wandernd bedankte ich mich artig und wollte gerne noch etwas sagen zu diesem unglaublichen Wahnsinn, den das ganze Land in diesen Zeiten ja gerne immer wieder gesondert betonte und der es machte, dass ein spanischer Weltverein gleich vor meinen Augen Fußball spielen würde und der auch dafür verantwortlich zeichnen dürfte, dass gerade ich dieses Ticket zu allem Überfluss auch noch geschenkt bekam und dass … aber da war der Mann dann auch schon wieder weg.

Und ich sah mir die Karte genauer an und bekam einen Schreck. „60 DM“. Sechzig! WESTMARK!!! Und ich hatte das eben gerade geschenkt bekommen. Erst lange Zeit später habe ich eine Verbindung herstellen können zwischen dem Preisschock, den ich auf dem Weg ins Ostseestadion erst mal langsam verdauen musste und dem Bild, das sich mir schließlich im Stadion bot. Wo waren all die Leute hin? Na klar doch, dachte ich erst, bis zum Anpfiff sind die alle wieder … aber nein, da kamen keine mehr: Das damals 25.000 Zuschauer fassende Ostseestadion war nur spärlich gefüllt. „Hey, freust du dich gar nicht?“, fragte die Freundin, und ich behalf mir mit irgendeiner halben Notlüge, denn natürlich freute ich mich, so wie sich ein Norddeutscher eben gerade so zu freuen vermag; aber sah sie denn nicht diese Unwucht, dieses surreal nicht mal halbvolle Stadion, wenn Hansa Rostock im Europapokal gegen Barcelona spielt?

Es war eine ganz einfache Rechnung. Preise von 40 bis 100 D-Mark (üblich waren hier sonst 15 bis 40) hielten die Menschen in und um Rostock davon ab, sich dieses Fußballspiel – das zumal vom ZDF live übertragen wurde – vor Ort im Stadion anzusehen. Seit der Währungsunion waren erst einige Monate ins Land gegangen, die Menschen hatten Autos, Küchen, Reisen und Fernseher gekauft, und schließlich war nicht mehr so sehr viel übrig für ein sportlich nahezu aussichtsloses Erstrundenrückspiel im Fußball-Europapokal. Am Spieltag machte die Vereinsführung zwar noch eine Rolle rückwärts und bot die Tickets um die Hälfte billiger an, aber da war es schon zu spät: Das bis heute sportlich größte Heimspiel der Vereinsgeschichte des FC Hansa Rostock fand vor gerade mal 8500 und also 400 Zuschauern weniger statt als die jüngste Drittligapartie gegen den VfR Aalen (1:0).

Das Spiel selbst war ein großer Spaß, die Rostocker mit Olaf Bodden, Juri Schlünz, Jens Wahl und Florian Weichert machten von den typischen Oberliga-Fußball-Fanfaren und „Ich bin stolz, ein ,Ossi‘ zu sein“-Transparenten unterstützt ordentlich Dampf und gewannen schließlich durch einen formidablen Flugkopfball von Uwe Spies verdient mit 1:0. Die von Johan Cruyff trainierten Katalanen kickten noch den 1. FC Kaiserslautern aus dem Wettbewerb und gewann schließlich das Finale gegen Sampdoria Genua. Hansa hingegen spielte eine legendäre erste Bundesliga-Saison und stieg am Ende nichtsdestotrotz in die 2. Liga ab. Und dieses Video hier zeigt nicht nur das komplette Spiel mitsamt dem sonoren Kommentar von Günter-Peter Ploog, sondern auch ein Fernsehfußballspiel ohne Dauereinblendung von Teams und Spielzeit, mit Hansa-Trainer Uwe Reinders featuring New-Yorker-Basecap sowie unfassbar unkleidsamen Barca-Auswärtstrikots.

Ausgebuddelt: W. Zahrendt, Neubrandenburg

Lange nix mehr ausgebuddelt hier. Jetze aber mal wieder.

Ende des 19. Jahrhunderts muss es eine Familie Zahrendt in oder um Neubrandenburg gegeben haben, die dem Handel mit Alkoholika zugeneigt gewesen ist. So findet sich in diesem Eintrag einer Familiendatenbank ein Hinweis auf einen „Bierverleger“ Richard Zahrendt in Neubrandenburg, und das klingt schon so klasse, Bierverleger, das könnte man sich glatt für später mal vorstellen, so als zweites berufliches Standbein.

Doch auch ein Verwandter des Bierverlegers hat damals sein Geschäft mit Mineralwasser, Wein und Bier gemacht. Das zeigt sich in dieser wunderschönen Printreklame aus dem Jahr 1901. Darin ist zu erfahren, dass ein gewisser „W. Zahrendt“ die Produkte der damals führenden Brauerei im Nordosten, Mahn & Ohlerich aus Rostock, am Tollensesee verkaufen möchte.

Und diese Handels-Verbindung dürfte auch den Anker erklären, der sich auf einem Porzellan-Zapfen von „W. Zahrendt, Neubrandenburg“ befindet, den ich jüngst aus dem Vorgarten buddelte. Mit Dichtungsring und Drahtfeder muss das Ding vor mehr als hundert Jahren mal ’ne Buddel Küstenbier verschlossen haben, die dann irgendwo in der Ihlenfelder Vorstadt ausgesüffelt wurde und schließlich in der Erde des Wolfswinkels versank.

W. Zahrendt

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(Was soll das? Und gibt’s da noch mehr von?)

Take five in Warnemünde

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Nanu? Kurz umgeschaut, ob irgendwo eine Kamera aufgebaut, ein Mikrofon in Position gebracht war. Nichts. Hier, auf der Strandpromenade von Rostock-Warnemünde, an einem Wintersamstagabend, wurde offenbar kein Film gedreht. Hätte aber sein können.

Es hatte den ganzen Tag geschneit. Nicht viel, aber genug, um draußen alles mit einem sanftweißen Schalldämpfer zuzudecken. Warnemünde schlief noch nicht, für Ende Januar war gut was los. Lichterketten leuchteten den Weg am Alten Strom zum Abendbrot und zurück, an Buden wurde der letzte Glühwein ausgeschenkt, in Bars schepperte Livemusik, vornehmlich Paare mittleren Alters schlenderten frisch durchgespa-t zum Restaurant, wo man den abendlichen Rioja endlich mal ohne die Tourimassen genießen konnte.

Mild war es geworden, der Schnee klebte schon ein wenig, wir waren sitt und satt und guter Laune – beste Schneeballschlachtvoraussetzungen also. Eine verwaiste Bistroterrasse am Strom diente als Festung, die das Team Männer einzunehmen gedachte. Team Frauen wehrte sich standhaft. Als ein verunglückter Wurf zwei neutrale Omis erschreckte, beschlossen wir, eine Halbzeitpause einzulegen.

Und dann stand er da. Mitten auf der Promenade, vor einem verrammelten Kiosk, im Sepia-Schein der Straßenlaterne. Rübezahlfrisur und Vollbart und ein Saxofon in der Hand. Der Mann spielte Take Five und machte sich offenbar wenig bis gar nichts daraus, das kaum jemand da war, der ihm zuhörte. Dieser Januarabend war vermutlich einer der ungünstigsten Zeitpunkte des ganzen Jahres, auf der Warnemünder Strandpromenade mit Kleinkunst Publikum anzulocken.

Allerdings sah es so aus, als wollte der haarige Sax-Mann vor allem diesen so schönen Winterabend durch ein bisschen Freiluftjazz noch schöner machen. Was ihm bei uns fünfen gelungen ist, vielen Dank! Denn noch beschwingter als ohnehin schon absolvierten wir auf einer nahen Wiese die zweite Schneeballschlachthalbzeit, gedämpfte Saxofon-Improvisationen wurden mit Freudenschreien und Treffergejaule angereichert, und Take Five pfeifend stiegen wir mit roten Wangen und Nasen ins Auto.

Und sahen beim Davonfahren ein Pärchen, das in respektvoller Distanz zu dem entrückten Saxofon-Mann im Halbdunkel auf der Promenade stehenblieb und tief durchatmend die Köpfe aneinanderlegte.

Hilfe für Flüchtlinge in Mecklenburg-Vorpommern

rw

So komplex die Thematik auch ist, und so wohltuend und notwendig eine möglichst differenzierte Betrachtungsweise in jeder Diskussion dazu auch wäre – wenn es um Menschen geht, ist schnelle, unkomplizierte Hilfe nie verkehrt. Zu diesem Zweck haben sich in MV einige Gruppen gebildet, die vor allem zum Ziel haben, das diffuse „Ich will was machen, aber wo und wie und was?“-Gefühl vieler Menschen hier in die richtigen Bahnen zu lenken. Schätze und hoffe mal, dass die aktuellen Mitgliedszahlen schon bald obsolet sind.

Rostock hilft – Homepage, Facebook (8980 Likes), Twitter (375)

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Foto: Metropollco.org via Flickr unter CC-Lizenz by-sa