Der Langer-Song

Es ist abends, kurz vor dem Schlafengehen. Vater bittet um einen Cognac und uns ins Kaminzimmer. Er will uns von einem Lied erzählen, ein Lied über unsere Familie, das ihm einst sein Vater eines Abends am Lagerfeuer nahebrachte. Vater findet, wir sind nun bereit, es unsererseits kennenzulernen.

So hätte das wohl vor einem Jahrhundert funktioniert. Heute stöbere ich in Papsens Youtube-Kanal und stoße in der Liste der von ihm gemochten Videos auf den Langer-Song:

Nun ja, der Langer-Song ist wahrlich kein sonderlich schmückendes Lied. Denn Langer ist hier ein Slang-Begriff der zweitgrößten irischen Stadt Cork. Es geht um Typen, die grob sind, fies, prollig, arrogant und in einer Strophe sogar mit George Bush verglichen werden.

Witzigerweise fahren typische Langers demnach aufgemotzte Honda Civics mit Pelzwürfeln am Rückspiegel und laut aufgedrehter Rockmusik. Und was soll ich sagen: Meine Mutter fährt seit der Wende keine anderes Auto als justament den Honda Civic. Ich selbst durfte den von ihr abgelegten grauen und äußerst fahrspaßigen Civic der vierten Generation einige Jahre lang auf dem Weg zum Schrottplatz begleiten. Und Paps himself lenkt einen modern Hybrid-Civic.

Vielleicht sind wir dann wohl doch richtige Langers.

Rein musikalisch ist es ein sehr mitsingfreundliches Stückchen irischer Musik. Ein paar Akkorde, null Variationen, fertig. Aber Vorsicht: Hat man ihn zweieinhalb Mal gehört, bekommt man den Langer-Song den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopf.

Wen übrigens die ganzen Original-Instrumente in dem Song irritieren, bitte schön, der Künstler mit dem hübschen Namen „MegaJDOG1995“ hat mit seiner Discount-Maschine einen House-Remix produziert. Und das obligatorische „sensibler junger Mann allein mit seiner Gitarre“-Cover gibt’s natürlich auch.

Ich stelle mir das dann künftig in etwa so vor, dass mein Papa auf der Familienfeier zu fortgeschrittenem Zeitpunkt sich erhebt. Mit wehmütiger Miene und einem Bier in der Hand beginnt er, wenn denn endlich Ruhe herrscht, a capella den Langer-Song zu intonieren. Und beim Refrain stimmen alle mit ein. Ungefähr so, wie in diesem Video.

Und damit auch alle Langers textsicher genug sind, hier der originale Text:

The Langer

Have you seen the old man
The drunken ould lout
Roaring and bawling and spilling his stout?
And in everyone’s business
You’ll first see his snout
Down in Cork he’d be known as a langer

Chorus:
A langer (Response: A langer)
In Cork he’d be known as a langer

And our hero Roy Keane
Footballer supreme
The finest this country and Man U’s ever seen.
And we’d have won the World Cup
But Mick McCarthy fouled up.
Roy was dead right to call him a langer!

Chorus

And Johnny and Mick
Have a Honda Civic
With spotlamps and spiders
And loud rock music
Ah, but don’t they look nice
With the big furry dice?
Would they ever stop acting the langer?

Chorus:
A langer (Response: A langer)
Would they ever stop acting the langer?

Die nächste Strophe ist komplett in irischem Gälisch (Übersetzung ganz unten):

Féach an phleice amach romhainn,
ag bladairt trína thóin
Níl gaelinn ag éine,
dár leis, ach é féin
Tá aige fomhraíocht sár-bhinn,
‘s gramadach fíor chrinn,
I gCorcaigh, gan dabht, sé an langer! 1

Curfa:
An langer! An langer!
I gCorcaigh, gan dabht, sé an langer!

From Mitchelstown to Cape Clear
You’ll be welcome down here
For there’s plenty of scenery, music, and beer
But avoid the rugby weekend in Kinsale
For every year with out fail
The town gets infested with langers

Chorus:
A langer (Response: A langer)
The whole town’s infested with langers

In two thousand and five
Culture will thrive
All along the green banks of the Lee (Shouted: Oh, good man, George!)
But no matter what
If you arrive on a yacht
We’ll tolerate absolutely nobody acting the langer
(Shouted: Certainly not in Crosshaven!)

Chorus:
A langer (Response: A langer)
There’ll be nobody acting the langer

George Bush and his boys
Ah, did make your blood boil.
Will they give the Iraqi people back their soil?
Ah, and all of us know
All he wants is their oil.
Oh Lord, he’s a ferocious langer!

Chorus:
A langer (Response: A langer)
Oh Lord, he’s a ferocious langer!

So three cheers for Roy Keane
He’s back wearing the green.
Ah, what more could you ask him to do?
So forget all the press
And the whole bloody mess
They’re only a big shower o’ langers.

Chorus:
A langer (Response: A langer)
They’re only a big shower of langers.

So there was me song
I didn’t keep ye too long
For now ye all know one word of Cork slang
And while there’s meat on me bones
I hope I’ll never be known
As a typical home-grown Cork langer

Übersetzung der irisch-gälischen Strophe:
Look at the messer in front of us,
talking through his ass
Nobody can speak irish,
in his opnion, but himself,
He’s got perfect pronounciation,
and perfectly accurate grammar,
In Cork, without a doubt, he’s a langer.

Das soziale Netzwerk

Das soziale Netzwerk

Das soziale Netzwerk ist ein Modell, das über Jahre hinweg aus überholten Ansätzen und Hypothesen heraus entwickelt wurde. Es erleichtert die methodische Erforschung der Diffusion und Wirkung massenmedialer Inhalte auf einen Rezipienten, der innerhalb einer differenzierten und verzweigten sozialen Umgebung Informationen empfängt, verarbeitet und weitergibt. Dabei wird deutlich, daß das Netzwerkkonzept durchaus auch gesellschaftliche Tendenzen und Entwicklungen abbilden kann.

Tja. Ende des vergangenen Jahrtausend schrieb ich das, zu Beginn des Publizistik-Studiums im Fazit der Arbeit „Das Soziale Netzwerk“ für das Proseminar „Sozialwissenschaftliche Kommunikations- und Medienforschung“. Ich schrieb es auf einem Computer, und hätte ich damals eins und eins zusammengezählt, wäre mein Leben später in einem Blockbuster mit Justin Timberlake verfilmt worden.

Nicht.

Aber ja, das Konzept „Soziales Netzwerk“ kann durchaus gesellschaftliche Entwicklungen abbilden, wie man heute weiß. Auch wenn sich die hyperventilierende Klickibuntheit der heutigen sozialen Netzwerke marginal von dem graustaubigen Theoriegebilde unterscheidet, das während des Zweiten Weltkrieg in den USA begonnen wurde anzudenken und das später zum Beispiel die sozialwissenschaftliche Figur des Meinungsführers hervorbringen sollte, der ja auch heute als buzzword immer noch mal wieder auftaucht.

Und dass das soziale Netzwerk die Erforschung der Wirkung von Inhalten auf Menschen ungemein erleichtert, diese Erkenntnis dürfte in Riesen-Lettern an den Stahlwänden der Facebookschen Geldsilos prangen. Eine andere finde ich aber noch viel wichtiger: Die Wirkung von Inhalten auf Menschen ist demnach umso stärker, je schwächer die Verbindungen zwischen den Mitgliedern des Netzwerks ist. Gibt es eine kleine, kompakte Gruppe mit starkem Zusammenhalt, schlagen Inhalte seltener auf die Meinung des Einzelnen durch.

Wer sich also öfter manipuliert, fremdgesteuert und überbeeinflusst fühlt: Gründe eine große Familie. Dann wird alles gut.

* * *

Ach ja, die Beurteilung: Mängelrüge!

Das soziale Netzwerk

Warum ich einmal von Depeche Mode träumte

Eija's birthday cake

foto:abi_skipp@flickr.com

Ich träume selten. Sehr selten. Das war schon immer so. Ich wurde ab Werk unträumend ausgeliefert. Umso prägnanter sind dann richtige, echte, umfangreiche Träume, wenn ich sie dann mal ganz durchträume. Umso genauer kann ich mich an sie auch später erinnern.

Es muss kurz vor der Wende gewesen sein. Die DDR hatte eine Jugendorganisation, einen Jugendradiosender, eine Jugendfernsehsendung. Die DDR hatte jede Menge Jugend. Eine Jugend, die nur noch wenig Angst vor kapitalistischen Langstreckenraketen hatte und sich stattdessen fragte, warum offiziell und inoffiziell immer stärker auseinanderdrifteten.

Ich war damals 12 Jahre alt und träumte von Depeche Mode. Warum ich einmal von Depeche Mode träumte weiterlesen

Ja. Das war schön.

Es ist ein klein wenig doof, das erst jetzt aufzuschreiben, jetzt, wo Helmut Haller gestern gestorben ist. Aber ich hatte nach diesem Termin in der Justizvollzugsanstalt Waldeck bei Rostock vor sechs Jahren nichts mehr gehört von Helmut Haller, ich wusste nicht, dass er an Demenz erkrankt war.
73 Jahre sind zu früh.

Elegant war er angezogen, etwas zu elegant für diesen Anlass. „Anstoß für ein neues Leben“ heißt das Resozialisierungsprojekt der Sepp-Herberger-Stiftung, für die Haller an die Küste gekommen war. Mit dunklem Anzug und offenem Kragen am schwarzen Hemd stach der Vizeweltmeister von 1966 die versammelte regionale VIPschaft in den Kategorien Mode und Coolness locker aus; mit seiner Art sowieso. Haller plauderte und hörte doch zu, er beobachtete und war doch immer mittendrin, selten, dass der beflissene Staatssekretär von seiner Seite wich. Er ließ es sich nicht nehmen, nach dem Ehrenanstoß den Ball kurz noch ein wenig zu jonglieren und vermied beim Smallltalk mit den Gefangenen doch – im Gegensatz zur Anstaltsleitung – das ganze Turnier über den peinlich-kumpeligen Stammtischfußballjargon.

So ein strengjovial auf den Ascheplatz gerufenes „Aber Blutgrätsche is heute nicht, hört ihr!?!“ hätte wohl auch nicht zu Helmut Haller gepasst.

Helmut Haller war von den einleitenden Worten der Verantwortlichen über den Resozialisierungsvortrag des Sekretärs, den Anstaltsrundgang, die Autogrammviertelstunde, den Ehrenanstoß bis hin zur Pokalübergabe dabei. Es waren einige Stunden, und ich habe ihn immer leicht lächeln gesehen, er war immer freundlich und nie scheißfreundlich, die Fußballlegende wirkte neben dem dürren Glatzkopf (zwei Jahre wegen Raubüberfall) fast ein wenig schüchtern. In einem kurzen Gespräch mit den Insassen habe ich sie gefragt, was sie denn von Helmut Haller halten würden und ich glaube bemerkt zu haben, dass sie versuchten, ihre Worte ein bisschen sorgfältiger auszuwählen als sonst an diesem Tag.

Der Fußballer hatte sich im Gefängnis Respekt verschafft.

Vor dem Finale bekam ich die Gelegenheit, mich mit Helmut Haller direkt am Spielfeldrand ein wenig zu unterhalten. Und wie das so ist, ich habe die Chance nicht gut genutzt, ich tüftelte zu lange über meinen Fragen, bekam ein paar Statements für den Bericht, probierte mich vorsichtig in gehobenem Smalltalk. Kein Pressesprecher weit und breit, die Sonne schien, der Mann freute sich, in Ruhe Fußball sehen zu können, und ich kam nicht so recht über das „Was bedeutet es Ihnen, hier zu sein?“-Niveau hinaus.

Nun ja. Wenigstens habe ich ihn nicht nach 1966 gefragt.

Schließlich das Finale, der Abpfiff. Helmut Haller atmet tief durch und sagt: „Ja. Das war schön.“ Dann steht er auf und geht zur Siegerehrung.

Und ob Bausteine flüssig sein können!

So ist das mittlerweile. Da schlenderst du ahnungslos durch die Kaufhalle und bist auf einmal ganz stolz, dass du mal an was gedacht hast. ,Haarspülung ist doch alle‘ flüstert die innere Stimme wohlmeinend, und jawoll, sie hat Recht, es mangelt an Spülung. Also rin in die Kosmetik, flink den Filterblick eingeschaltet, und zack – innerhalb von Sekunden hatte ich es schon gefunden, das Regal mit den Haarspülungen.

Haarspülungen.

Haarspülungen? Ich Unwissender!

Liquid Silk Gloss. Mit Clear Repair. Und hochkonzentriertem Leave-In-Serum.
Oil Nutritive. Mit flüssigen Haar-Bausteinen. Und 7 nährenden Repair-Ölen.
Satin Relax. Mit Anti-Frizz-Komplex.
Ultimate Repair. Mit 3x flüssigen Haar-Bausteinen.

So. Und da ich nicht weiß, ob unsere Haare eher ein hochkonzentriertes Serum benötigen, nährende Öle, einen imposanten Anti-Frizz-Komplex oder doch lieber flüssige Bausteine, habe ich sie in meiner Verzweiflung alle gekauft.

Und seither werde ich die leise Ahnung nicht los, dass einer von uns beiden, also die Haarspülungs-Industrie und ich, dass einer von uns zu irgendeinem Zeitpunkt unserer gemeinsamen Konsum-Geschichte falsch abgebogen ist.

ältere Seiten: 1 2 Nächste