Bloghoster Blog.de schließt zum Ende des Jahres – und der Sportkurier zieht um

Jüngst staunte ich wie folgt auf Twitter:

Und heute Nacht flatterte die Ankündigung in meinen Briefkasten, dass es anderer Blog-Verein seine Schotten dichtmachen will. Blog.de, wo ich eine Zeit lang für die Zeitung ein Sportblog zu führen die Ehre hatte, teilt mit, dass „ab sofort Deinerseits alle nötigen Schritte vor der Schließung von blog.de in die Wege zu leiten“ seien.

Denn am 15. Dezember drücken sie dort auf „DELETE“ – und alles ist weg.

Im Gegensatz zu 20six, wo noch alle Beiträge da sind, obwohl da seit Jahren nicht mehr viel passiert, räumt Blog.de seine Server leer, und die ersten „Jaja, von wegen das Netz vergisst nie“-Postings sind bereits in den einschlägigen Kanälen eingelaufen. Immerhin gibt’s eine halbwegs praktikable Hilfe-Abteilung, und WordPress dürfte in den kommenden Tagen und Wochen wieder ein bisschen Zuwachs bekommen.

Für diese kleine Stube hier heißt das konkret, dass ein paar Neue einziehen werden. Im Unterbereich „Sportkurier“ werden sie wohnen, einer ist schon da, bald werden es mehr. Für sie gibt’s Unterkunft, Sprachkurse und ein Taschengeld, auf dass die vertriebenen Beiträge hier möglichst bald heimisch werden und viele kleine Nachfolgerideen zeugen. Denn das Blogboot ist noch lange nicht voll.

200 Jahre Turnbewegung – Turnvater Friedrich Ludwig Jahn, die Hasenheide und Gedenkstätten in Neubrandenburg

Turnvater Jahn  Hasenheide

Die einzige Augenzeugin trägt einen ungewöhnlichen Namen. NDM XIV?1/B heißt sie, ist etwa 500 Jahre alt sowie 25 Meter hoch und unter diesem kryptischen Namen im Berliner Naturschutzregister als Naturdenkmal registriert (Quelle). Die mächtige Eiche steht in der Hasenheide direkt neben dem Denkmal von Friedrich Ludwig Jahn, der dort vor 200 Jahren, am 19. Juni 1811, Deutschlands ersten Turnplatz eröffnete und damit die Turnbewegung in Gang gebracht hat. Und an den Ästen dieser Eiche, so wird berichtet, soll Jahn seinen jungen Turnern Reckübungen beigebracht haben.

jahn_denkmal

Zum Jubiläum haben der Bezirk Neukölln und die Berliner Senatsverwaltung für Sport die Geburtsstätte von Stufenbarren, Schwebebalken und Pauschenpferd mit 300.000 Euro aufgepäppelt. Mit dem Geld könne „der Sockel erhalten, Graffiti beseitigt und die Beete bepflanzt werden“, so das Naturschutz- und Grünflächenamt in Neukölln (Quelle). Das müssen dann aber wohl ganz schön große Beete sein.

Immerhin wird anlässlich des Jubiläums und nach einer mittellangen Netz-Recherche deutlich, wie umstritten der Turnvater sowohl zu seinen Zeiten war als auch heute noch ist. Ein deutsches Jubiläum? wird nicht umsonst in Fragezeichen gesetzt, Jahn wird als früher Rocker, verkrachter Bummelstudent, derber Prahlhans, nationalistischer Hassprediger und von Hitler sogar als erster Nationsozialist tituliert (Quelle); Sportgeschichtsprofessorin Gertrud Pfister (mit der ich vor einem Jahrzehnt mal in der Hasenheide rumgeturnt bin) fragt gar rhetorisch: Hat Jahn ausgeturnt?

jahn_post

Hierhergeturnt ist der Bärtige jedenfalls mal, als Hauslehrer in Diensten eines Barons weilte Jahn 1803/04 in Neubrandenburg und trieb sich mit jungen Mitturnern am Tollensesee herum:

Die freien gymnastischen Übungen begannen in der Regel mit Schwimmversuchen am Kropf, der Badestelle am Austritt der Tollense aus dem See. Es folgten Geländespiele und häufig auch Ringkämpfe. Wettläufe, Stabspringen und Kletterübungen gehörten ebenso zum Programm des Nachmittags. Dazu war das weite Gelände an der Brodaer Seite des Tollensesees bis zu den Hahnen- und Krähenbergen bestens geeignet.
Im Winter wurden die Spiele mit tollkühnen Sprüngen in den Schnee und mit ausgedehnten Wanderungen fortgesetzt. Jahn verstand es, die Jungen für die ungewohnten körperlichen Übungen und Spiele zu begeistern.

Heute erinnern in Neubrandenburg Jahnstraße, Jahnviertel, Jahnstadion und Jahnsportforum an das Turnvater-Intermezzo. Frühe Turnplätze entstanden auf einer Kuhwiese am Ende der heutigen Jahnstraße und am Badeweg an der Stelle des heutigen Jahnstadions. Eine Denkmals-Büste wurde 1904 am Beginn der Jahnstraße enthüllt, sie steht heute noch direkt am Engelsring. Anlässlich des 150. Jahn-Geburtstags errichtete man 1928 im Brodaer Holz einen Jahn-Gedenkstein, dessen zweite Hälfte in die Hasenheide verfrachtet wurde. Und thematisch passend gelangt der interessierte Wanderer heute erst nach 152 mühsamen Stufen auf die Jahnhöhe zum Stein.

jahndenkmal neubrandenburg jahnstein im brodaer holz am tollensesee
inschrift jahnstein neubrandenburg

Wem diese Informationen nicht ausreichen, der sei noch auf drei Schriften anlässlich des 200-Jahre-Jubiläums aufmerksam gemacht (jeweils .pdf-Dateien):

200 Jahre Turnen (Berliner Turnerbund)
200 Jahre Turnbewegung – Soziale Verantwortung (Deutscher Turnerbund)
200 Jahre Turnbewegung – 200 Jahre Soziale Verantwortung (Jahn-Gesellschaft)

Abschließend die acht Turngesetze, an denen wohl jede schnöde Sport-Geräteturn-Stunde der deutschen Moderne kläglich scheitern würde:

1. Jeder, der Mitglied der Turngemeinschaft werden will, muß zuvor versprechen, der Turnordnung nachzuleben, und nicht anders zu handeln – auf keinerlei Weise.
2. Jeder soll nur in grau leinener Turntracht auf den Turnplatz kommen.
3. Kein Turner soll einigen Unwillen, Fehd und Feindschaft, so er mit einem und dem anderen Mitturner hat, während der Turnzeit und auf dem Turnfelde äußern; sondern jeder soll bloß turnen – und in Friede, Freude und Freundschaft.
4. Es soll auch keines Hasses oder Grolles auf dem Turnfelde gedacht werden; und eben so wenig auf dem Hingang und Heimgang, auch auf keinen Turnfahrten.
5. Jeder Turner darf nur auf den bezeichneten Wegen und Stegen zum und vom Turnplatze kommen und gehen, (weder durchkriechen, noch übersteigen, auch nicht überspringen).
6. Beim Kommen und Gehen muß jeder Turner auf den Tie gehen, und am Dingbaum schauen, was vor ist, was es giebt und was jedermann kund und zu wissen Noth thut.
7. Welcher Turner irgend etwas erfährt, was für ihn und wider die Turnkunst und unsre Übung derselben Freund oder Feind sprechen, schreiben und wirken: muß davon sogleich Anzeige machen, damit zu seiner Zeit und an seinem Orte aller solcher Kunden – mit Glimpf oder Schimpf – könne gedacht werden.
8. Und so soll ein Jeder nach unserm löblichen Turnbrauch sich richten und nicht neusüchtig Neuerungen aufbringen, ohne vorherige Rücksprache und Berathung.

(Aus: Jahn/Eiselen, „Die Deutsche Turnkunst zur Einrichtung der Turnplätze“ Berlin 1816, Quelle)

(Zuerst veröffentlicht im Sportkurier-Blog im Juni 2011)

Bergring Teterow in der DDR: „Ost-Orgie“ oder doch einfach nur ein Motocrossrennen

015 DDR. Jugend. Berlin 1983

Zwei mythische Städte im Alten Testament, die wegen der Sünde ihrer Einwohner von Gott vernichtet wurden. Umgangssprachlich eine katastrophale Situation oder einen Ort zügellosen, unkontrollierbaren Geschehens.

Soweit die Definition von Sodom und Gomorra. Sünde also, katastrophal, zügellos, unkontrollierbar. So muss es demnach damals zugegangen sein bei der „abgefahrenen Ost-Orgie“, wie das Bergringrennen in Teterow bei einestages, dem Zeitgeschichte-Portal von Spiegel Online, im Vorspann angekündigt wird. Am Pfingstwochenende seien „Staatsfeinde in Feierlaune“ gewesen, Zigtausende Jugendliche hätten auf dem Bergring Widerstand gegen die DDR-Obrigkeit geleistet. Die passende Überschrift: Sodom und Motorrad.

Nun ist das ja so eine Sache mit den Überschriften: Kurz und knapp sollen sie sein, Aufmerksamkeit sollen sie erregen, Reizwörter sind nicht schlecht, Wortspiele können funktionieren. Ärgerlich wird es aber immer dann, wenn sie etwas versprechen, was im Text nicht gehalten wird. Im Text – oder in der Realität.

War also der Bergring zu DDR-Zeiten ein Ort zügellosen, unkontrollierbaren Geschehens?

Ich weiß es nicht, war nie da. Der Fotograf Siegfried Wittenburg, geborener Warnemünder und Autor der einestages-Geschichte, hat 1982 und 1983 auf dem Bergring fotografiert. Und zu den Bildern hat er einen Text geschrieben, der vor allem die beschreibt, die damals in Scharen gen Teterow kamen: Jugendliche.

Dabei ließen sich die jungen Leute bereitwillig verewigen, stellten sich in Pose, mit Flasche oder ohne. Aber sie entsprachen damit eben so gar nicht dem sozialistischen Idealbild. Sie brachen aus dem Alltag aus, um allen zu zeigen, dass sie selbstbestimmt leben und keine „allseitig gebildeten sozialistischen Persönlichkeiten“ sein wollten. (…) Die reichlich zitierten Berichte von Volkspolizei und Staatssicherheit lassen keinen Zweifel daran, dass die „Tramper und Gammler“ der Staatsfeind Nummer zwei waren, gleich nach den westlichen Agenten und Saboteuren.

Die Kommentare unter dem Artikel gleichen allerdings die arg reißerische Spiegel-Ankündigung wieder aus, „ziemlich albern“ sei „diese von Unwissen und Unverständnis strotzende nachträgliche Überhöhung alltäglichen Geschehens und Verhaltens“. Und selbst Autor Siegfried Wittenburg, der Überschrift und Vorspann vielleicht so nicht gewählt hätte, meldet sich daraufhin nochmal und stellt klar: „Natürlich war das Teterower Bergringrennen keine Veranstaltung von Widerstandskämpfern aus der Sicht der Teilnehmer. Aus der Sicht der Staatsmacht schon.“

Jammern über Jabulani

Weighing of 2010 World Cup balls

Morten Olsen! Iker Casillas! Gianluigi Buffon! Julio Cesar! Luis Fabiano! Fabio Capello! Ihr Memmen! Öl überflutet die Meere, Vulkane husten und prusten, Präsidenten werfen Hand- und Taschentücher. Und was tun so verdienstvolle Fußballer und Trainer wie ihr?

Ihr jammert über Jabulani, den WM-Ball.

Es ist schade, dass in einem so bedeutenden Wettbewerb wie einer Weltmeisterschaft ein so wichtiges Element wie der Ball einen so abgründigen Charakter hat.

Herr Casillas! Ich bitte Sie! Bälle haben einen abgründigen Charakter so wie Außenlinien zur manischen Depressivität neigen, nämlich gar nicht! Sie mögen anders fliegen als andere Bälle, aber die Grundvoraussetzungen für ein ordnungsgemäßes Fußballspiel sind gegeben: rund, knapp ein halbes Kilo schwer, aufgepumpt.

Der Ball ist furchtbar. Schrecklich. Er gleicht den Bällen, die es im Supermarkt zu kaufen gibt.

Herr Cesar! Ich bitte Sie! Den Jabulani gibt es im Supermarkt zu kaufen. Und wenn nicht jetzt, dann bestimmt bald. Und dass Sie als von Nike Ausgerüsteter den adidas-Ball beschimpfen, ist nun auch nicht sonderlich originell.

Für Torhüter ist der Ball fürchterlich, er bewegt sich dauernd. Auch meine Spieler haben Schwierigkeiten mit der Ballkontrolle.

Herr Capello! Ich bitte Sie! Ein Ball, der sich bewegt? Und auch noch dauernd? Skandal! Und wenn die von Ihnen trainierten Spieler Probleme mit der Ballkontrolle bekommen, weil sie mit einem anderen Ball spielen, sollten sie vielleicht mal ihr Technik-Training überdenken.

Er verändert plötzlich seine Flugbahn. Es ist, als ob er sich nicht treten lassen will. Es ist unglaublich – als ob jemand den Ball steuert. Du willst ihn kicken, und er bewegt sich zur Seite. Ich denke, das ist übernatürlich und sehr übel.

Herr Fabiano! Ich bitte Sie! Wer möchte sich schon gerne treten lassen? Und außerdem glaube ich, dass Sie zuviel Erich von Däniken und Stephen King lesen. Wenn, ja wenn ein übler Übernatürlicher Dinge auf dieser Erde von irgendwoher steuern oder lenken könnte, dann wären dies mit Sicherheit nicht bestimmte Fußbälle einer bestimmten Fußballherstellfirma.

Ich glaube, dass es eine Schande ist, ein so wichtiges Turnier mit solch einem Ball zu spielen.

Herr Buffon! Ich bitte Sie! Ich glaube, dass es eine Schande ist, den baldigen Start eines Fußballgroßturniers allein daran zu erkennen, dass weltweit Klagelieder über Arbeitsgeräte angestimmt werden. Ich glaube auch, dass es eher eine Schande ist, darauf zu bestehen, mit rechtsextremen Schlüsselsymbolen auf dem Hemd zu spielen.

Wir haben mit einem unmöglichen Ball gespielt, an den wir uns erst noch gewöhnen müssen. Es war sehr schwierig, diesen Ball zu kontrollieren und ihn bei Pässen auf Tempo zu bringen.

Herr Olsen! Ich bitte Sie! Wenn man möchte, dass ein Ball schneller von A nach B fliegt, einfach mal stärker gegentreten. Wenn das nicht klappt, einfach mal in den Kraftraum gehen. Wenn das zu umständlich ist, einfach mal den Beruf wechseln.

Generell ist festzuhalten: Gut bezahlte Profifußballer beschweren sich mimosiger als meine Tochter beim Spinatessen über etwas, was ihnen eigentlich zugute kommt, nämlich die fortdauernde Entwicklung von neuen Bällen zu den EM- und WM-Endrunden. Neue Bälle, neuer Umsatz, neues Geld. Der Ball mag anders fliegen und meinetwegen unberechenbarer geworden sein – echte Männer nehmen das zur Kenntnis und zum Anlass, sich darauf einzustellen und halt mal ein wenig mit dem Ding zu üben.

Findet im übrigen auch Ex-Nationalspieler René Müller, der dieses Interview ganz ähnlich beschließt:

Aufhören zu jammern und sich an den Wasserball gewöhnen. Alles andere hilft ja auch nicht.

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