Nichts zu fürchten

Die viel zu vielen Bilder und Nachrichten machen den Einzelnen nur kleiner, als er in Wirklichkeit ist. Die Kenntnis des großen Ganzen lassen den Menschen vergessen, dass er sich auch gegen die Angst entscheiden kann. Dabei gibt es doch eigentlich nichts zu fürchten.

Diese Tage bieten eine passende Gelegenheit, eines der wenigen Depeche-Mode-Cover vorzustellen, die das Original besser machen. Das griechische Synthie-Pop-Duo Marsheaux haben sich das 1982er-Album „A broken frame“ komplett vorgenommen und vor allem den 35 Jahre alten Sound den modernen Hörgewohnheiten angepasst. Davon profitiert vor allem das epische Instrumental „Nothing to fear“:

Nicht unpassend dazu auch der Fakt, dass Chris Rea ebenfalls einen Song namens „Nothing to fear“ in seinem Repertoire hat, in dem es um einen Europäer geht, der Muslime willkommen heißt. Der also etwas praktiziert, was sich derzeit als eine Art gesellschaftlicher Lackmus-Test etabliert:

In God’s own name let’s eat together
In God’s own name please come in peace
See how our children play together
While you and me we stand alone

Metamorphose

Es fühlt sich an, als sollten wir den ganzen Tag auf die Straße gehen. Gar nicht nur, um etwas zu zeigen, um für oder gegen etwas zu demonstrieren, gar nicht nur aus politischen Gründen. Sondern auch, um sich einander zu vergewissern und zu versichern, dass man auch noch da ist. Um zu sehen, da sind ja noch so viele mehr, die sich auch so fühlen, als sollten sie gemeinsam auf die Straße gehen, als sollten sie raus aus ihren Wohnungen und Häusern, weg von den Nachrichtenbildschirmen und hin zu den anderen Menschen.

Ich würde gerne meinen Kindern zeigen können, dass es das auch hier gibt, wovon gerade oft gesprochen wird: den Willen der Menschen, demonstrativ zu der eigenen Lebens-Art-und-Weise zu stehen – und zwar nicht nur in der naheliegenden Form, einfach so weiterzumachen wie bisher. Ich würde gerne meinen Kindern beweisen können, dass die vielen klugen Gedanken, die sie in diesen Tagen von irgendwoher erreichen, überall in den Köpfen und Herzen der Leute steckt. Dass die Menschen hier, wenn sie sich beginnen unwohl zu fühlen und unfrei, auch etwas dagegen tun. Etwas, was manchmal ein bisschen darüber hinausgeht, Avatare einzufärben und auf „Teilen“ zu klicken. Und dass solche Taten eben nicht nur Spaziergänge gegen fremde Menschen sein müssen.

Als ich meinen Sohn vorhin zur Schule gebracht habe und im Autoradio aufgeregt die Nachricht von einer neuerlichen Schießerei in Paris durchdekliniert wurde, hätte ich ihm gerne mehr mit in den Tag gegeben als nur einen Abschiedskuss und ein betont fröhliches „Bis heute Abend!“. Ich hätte ihm sagen wollen, dass wir zwar nicht mehr weit weg von allem, aber selbst hier noch ganz viele sind.

Na ja. Vielleicht zeige ich ihm mal das kurze Video vom Blumen-gegen-Pistolen-Prinzip. Bestimmt reden wir auch wieder nachdenklich über die Nachrichten. Doch eigentlich fühlt es sich gerade so an, als sollten wir einfach mal zusammen nach draußen gehen und nach den anderen sehen.

Aber wahrscheinlich ist dafür auch das Wetter gerade viel zu schlecht.

Aus dem Album „Diorama“ von Dominik Eulberg