Ein Einszusieben für die Ewigkeit – ein Spiel, ein Buch, ein Heft

Ich muss zugeben: Ich habe mich bis heute nicht erholt.

Dieses Geständnis wurde jüngst von José Maria Marin abgelegt, dem Präsidenten des brasilianischen Fußballverbandes; und der Mann redet von einem Fußballspiel, das jetzt schon mehr als 250 Tage zurückliegt. Die bereits mit dem Abpfiff legendäre 1:7-Niederlage Brasiliens gegen Deutschland im WM-Halbfinale hat viele Menschen beeindruckt, und so verwundert es wenig, dass bereits ein ganzes Buch einem einzigen Fußballspiel gewidmet wurde.

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Christian Eichler saß am 8. Juli 2014 für die Frankfurter Allgemeine Zeitung in Belo Horizonte auf der Tribüne. Mit “7:1 – Das Jahrhundertspiel” hat er das geschafft, was an jenem Tag den meisten Zuschauern vor Ort und an den Bildschirmen noch misslungen ist: Etwas noch nie Dagewesenes, etwas historisch Einmaliges angemessen in Worte zu fassen. Und angemessen meint hier vor allem: ausführlich, fast 300 Buchseiten hat Eichler zu dem Rasendrama geschrieben.

Handwerklich ist das sehr geschickt gemacht. Statt dröger Kapitel gliedert sich “7:1” in Spielminuten, wobei nicht alle 90 dabei sind, manche sind ausschweifend, manche nur einen Absatz lang. Mit diesem Kniff umschifft der Sportjournalist die Gefahr, sich in den vielen famosen Anekdoten zu verlieren, die er zu dieser Partie zu erzählen weiß. Denn immer, wenn Eichler manchmal doch etwas zu sehr ins fußballliterarische Dauerdribbling abgleitet, kommt schon die Grätsche in Form der nächsten Minute – und Leser wie Autor sind wieder beim Spiel.

Das wird in all seinen jetzt schon so oft wiederholten Stationen unaufgeregt nacherzählt: Von der schnellen deutschen Führung über diese unglaublichen vier Tore in sechs Minuten bis hin zum brasilianischen Ehrentreffer in der Schlussminute. Eichler widmet sich den Geschichten der deutschen Akteure ebenso wie denen der Turniergastgeber, er macht Ausflüge in die Fußballgeschichte, in die Statistik und natürlich in die Psychologie, wenn er erste Reaktionen auf diese sportliche Unerhörtheit detailreich beschreibt.

Das geht nicht immer ganz ohne Pathos ab, bereitet aber dadurch profunden Fußballkennern wie Gelegenheitsguckern gleichermaßen Lesespaß. An einem Rutsch durchlesen muss man die 288 Seiten nicht, man kennt schließlich das Ende. Besser zu verdauen ist dieser Roman von einem Fußballspiel, liest man ihn Stück für Stück, immer mal ein paar Kapitelchen auf einmal. So wirkt diese 90 Minuten dauernde Unerhörtheit gleich viel nachhaltiger.

Seinen wahren Wert dürfte „7:1. Das Jahrhundertspiel“ allerdings erst in vielen, vielen Jahren zeigen. Dann nämlich, wenn die nächste und übernächste WM gespielt und die nächsten Weltmeister ermittelt sind. Wenn das Turnier 2014 längst ein Teil der Sportgeschichte geworden ist und all jene, die dann immer noch genau wissen werden, was sie am 8. Juli 2014 gemacht haben, nochmal genau nachlesen möchten, was für ein außergewöhnliches Fußballspiel jenes WM-Halbfinale zwischen Brasilien und Deutschland gewesen ist.

Christian Eichler: „7:1. Das Jahrhundertspiel. Als der brasilianische Mythos zerbrach und Deutschlands vierter Stern aufging.“ Quality Paperback, Droemer TB, 288 S., ISBN: 978-3-426-30086-2

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Schon etwas früher, im Dezember 2014, hatte Oliver Wurm (hier ein sehr interessantes Interview mit ihm) ein ähnliches publizistisches Konzept in die Tat umgesetzt. Zum Einszusieben produzierte er ein ganzes Sonderheft seiner Reihe „‘54 ’74 ’90 (’14)“ mit dem schlichten, aber wahren Titel „Mehr als ein Spiel“.

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Dessen Vorteil ist vor allem optischer Natur – natürlich. Großartige Bilder, Tränen, Tore, Tragik; da kann Christian Eichler noch so kunstvolle Sprachvolten schlagen, den weinenden David Luiz und den sich kaum noch über das nächste Tor freuen könnenden Toni Kroos muss man einfach gesehen haben.

Überhaupt der Kroos. Im großen Interview agiert er mit demselben pommerschen Gemüt wie auf dem Feld: Kein Wort zuviel, Gefühle zeigt man ohnehin viel zu oft, und aufregen können andere sich besser. Dafür sitzt dann auch fast jeder Satz, Selbstbewusstsein trieft aus jeder zweiten Antwort, ohne dabei allzu arrogant zu klingen.

Im Gegensatz dazu Dante, der zweite Interviewpartner. Der hat noch ordentlich zu knabbern und es ist kein Zufall, dass die Umstände des Interviews fast genauso interessant zu lesen sind wie die Antworten selbst, bei denen man wiederholt ein leises Seufzen mitzulesen glaubt.

Auf 54749014.de sind alle WM-Hefte von Oliver Wurm als E-Paper erhältlich.

Auf dem Trampelpfad zum Titel – Manuel Neuer

Foto: Saadick Dhansay via Flickr unter CC-Lizenz by-nc

Neben den Langzeitverletzten dürfte Torwart Manuel Neuer der deutsche Nationalspieler bei der WM mit der wenigsten Spielpraxis sein. Spielpraxis nicht im Sinne von absolvierten Minuten, sondern von: Dinge tun. Manuel Neuer wird zu einem großen Teil der dann zurückliegenden Saison nicht sehr viel mehr getan haben, als seine Spieleröffnungs-, letzter-Mann- und Rückpass-Skills zu verbessern.

Das ist gar nicht weiter schlimm, denn diese Fähigkeiten werden zumindest in den ersten WM-Spielen durchaus auch gefragt sein. Aber ich habe jetzt schon einen großen Respekt vor Neuers Trainingsarbeit beim FC Bayern, die neben allem anderen auch diese gewisse Wettkampf-Spannung, -intensität und -härte simulieren muss, die in den meisten Spielen schlichtweg fehlt.

Anbei der Arbeitsnachweis von Manuel Neuer beim Hinspiel des Champions-League-Viertelfinales gegen Manchester United:

3. Ball im Bayern-Tor. Neuer reagiert cool – es war vorher abgepfiffen worden.
9. Doofer Rückpass, Neuer haut das Ding gezwungenermaßen ins Seitenaus und sieht eher so mittelelegant aus dabei.
16. Rückpass. Neuer flankt unter Bedrängnis mit links weit hinter die Mittellinie exakt auf Alabas Kopf.
28. Erste Ermüdungserscheinungen bei Neuer: Der Pass auf Thomas Müller gerät etwas ungenau.
32. Neuer hält einen Schuss: halbscharf, direkt auf ihn gezielt; er darf dafür nicht mal hinfallen. Menno.
36. Eine lange United-Flanke pflückt Neuer vor Rooney aus dem Spiel. Viel Fantasie vorausgesetzt konnte der Bayern-Torwart in dieser Situation die Gefahr dumpf erahnen.
40. Und das macht dann die Weltklasse aus: Plötzlich steht ein einsamer Angreifer direkt vor Neuer, ein Lupfversuch, nicht mal schlecht, und dann ein Manuel Neuer, der sich nicht wie ein unterwürfiger Welpe auf den Rasen schmeißt, sondern abwartet und dem Ball mit einem Reflex den Weg zum sicheren Gegentor verwehrt.
45. Neuer darf zum Aufwärmen in die Kabine.

Wenn das so weitergeht mit diesen Bayern, müssen sich Weltklasse-Torhüter künftig gut überlegen, an die Isar zu wechseln. Kaum was los in seiner Nähe, und wenn, dann nur Gedaddel. Geld, Erfolge und Rückpässe sind ja nicht alles. Aber Neuer hat das Bällehalten nicht verlernt, sein Reflex war supergeil.

52. Wieder eine weite Flanke, Neuer köpft sie voll enthusiastischem Bewegungsdrang ins Seitenaus.
58. Tor für Manchester durch einen Kopfball nach einer Ecke. Scharf und platziert, der chancenlose Torwart reagiert nicht. Für diese Momente wird Neuer bei den Bayern gut bezahlt: Kaum den Ball gesehen geschweige denn in den Händen gehalten, geht ein so ein Ding dann mal rein.
61. Neuer rettet hellwach gegen einen konternden Engländer.
67. Ausgleich. Manuel Neuer hatte bisher jede halbe Stunde eine Torwart-Aktion.
79. Manuel Neuer instagramt heimlich mit einem Geheimsmartphone, das er für solche Fälle in seinen Handschuhen gebunkert hat. (Natürlich nicht. Hochprofessionell konzentriert er sich aufs Spiel und leitet Rückpässe weiter.)
94. Nach einer Gelb-Roten gegen Schweinsteiger räumt Manuel Neuer zeitschindend lieber Wurfgeschosse aus dem Strafraum, als das Spiel fortzusetzen. Der Schiedsrichter hat Mitleid und pfeift ab.

Ich glaube ja, Manuel Neuer macht jetzt noch ein bisschen Workout, 15 Kilometer auf dem Ergometer und schmeißt sich nachher noch sieben Mal mit Anlauf und voller Wucht auf sein Bett. Und weil er das tut (und auch heute anderthalb mal gezeigt hat, was er kann), wüsste ich keinen viel Besseren für die WM – Spielpraxis hin oder her. Alles andere ist Korinthenzählen auf sehr hohem Niveau.

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Der bisherige Trampelpfad

Auf dem Trampelpfad zum Titel: Das Wesen von Testspielen

dfb3Mit der Statistik ist das im Fußball ja immer so eine Sache. Aber trotzdem. (Und das verlinkte Gif ist lustig!)

Man kann die überraschende Charakteristik von Spielen der deutschen Nationalmannschaft im Vorfeld von Weltmeisterschaften sehr gut erkennen, wenn man einen Blick in die Historie wirft. Dann sieht der geübte Beobachter: Mehr Siege, mehr Tore. Diese schockierende Erkenntnis resultiert dabei größtenteils aus der Sättigungsbeilage jüngster WM-Vorbereitungen namens Luxemburg, Kuwait oder Österreich, als man sich gleichzeitig warmschießen und die kritische Öffentlichkeit beruhigen wollte.

So, und das war’s. Mehr gibt es aus Testspielen nicht zu abzuleiten. Logisch, sind ja eben auch Testspiele. Kein Theaterkritiker schreibt Leitartikel über die Generalprobe. Bei uns kriegt keiner Stubenarrest, wenn’s beim Üben vor der Mathearbeit mal mit dem kleinen Einmaleins hapert. Jeder Lehrling kleckert vor der Gesellenprüfung etliche Testmauern zusammen; und es stört genau: Niemanden.

Denn das große Problem von Nationalelf-Testspielen ist ja, dass der Mannschaft zehn Millionen Menschen beim Üben zusehen. Alle wissen das zwar, aber gänzlich ausschalten können das weder Spieler noch Trainer. Solche Spiele sind also immer auch eine Balance zwischen dem sich miteinander einspielen und Dinge ausprobieren auf der einen und der – im wahrsten Sinne des Wortes – Befriedigung der Öffentlichkeit auf der anderen Seite. Zumindest unbewusst ist das so, und da können hinterher noch so viele Beteiligte den vielbeschworenen Testspielcharakter betonen.

Hinterher reden sich doch wieder alle den Mund fusselig.

(Macht ja auch Spaß.)

Ich fand es auch blöd, dass Eintracht Frankfurt la Mannschaft gegen Chile das Momentum des feinen Tores nicht hat nutzen können und fortan so selbstbewusst und gekonnt aufgetreten ist wie dieser erstaunlich ballfertige Nachwuchs-Rastelli. Dass die hier bereits für fähig befunden Merte, Kroos und Klose nix gezeigt haben. Und dass Chile nicht drei seiner 38 Chancen reingemacht hat, damit der Brennpunkt Abwehr vielleicht noch stärker als sowieso schon in den Fokus der Verantwortlichen geraten wäre.

Aber ein Testspiel ist am Ende auch nur ein Testspiel, und auch die kommenden Testspiele gegen Polen, Kamerun und Armenien im Mai und Juni werden voraussichtlich auch nur Testspiele sein. Denn das ist das Wesen von Testspielen: Dass sie nur Testspiele sind. Und ich verspreche, den Platon-Generator wieder auszuschalten und lieber Big Testspieldata hier reinzupfeffern:

Spielbilanz der Nationalmannschaft (ohne WM-Testspiele)
816 Spiele, 467 Siege (57%), 171 Remis (21%), 178 Niederlagen (22%), 1811:993 Tore (Ø 2,2 : 1,2)

Spielbilanz bei deutschen WM-Testspielen
66 Spiele, 45 Siege (68%), 7 Remis (11%), 14 Niederlagen (21%), 170:59 Tore (Ø 2,6 : 0,9)

Alle DFB-Spiele von Januar des WM-Jahres bis WM-Beginn
1954
Schweiz – Deutschland 3:5 (0:4)

1958
Belgien – Deutschland 0:2 (0:1)
Deutschland – Spanien 2:0 (1:0)
Tschechoslowakei – Deutschland 3:2 (1:1)

1962
Deutschland – Uruguay 3:0 (1:0)

1966
England – Deutschland 1:0 (1:0)
Niederlande – Deutschland 2:4 (1:3)
Irland – Deutschland 0:4 (0:2)
Nordirland – Deutschland 0:2 (0:1)
Deutschland – Rumänien 1:0 (0:0)
Deutschland – Jugoslawien 2:0 (1:0)

1970
Spanien – Deutschland 2:0 (2:0)
Deutschland – Rumänien 1:1 (1:1)
Deutschland – Irland 2:1 (1:0)
Deutschland – Jugoslawien 1:0 (1:0)

1974
Spanien – Deutschland 1:0 (1:0)
Italien – Deutschland 0:0 (0:0)
Deutschland – Schottland 2:1 (2:0)
Deutschland – Ungarn 5:0 (1:0)
Deutschland – Schweden 2:0 (0:0)

1978
Deutschland – England 2:1 (0:1)
Deutschland – Sowjetunion 1:0 (0:0)
Deutschland – Brasilien 0:1 (0:0)
Schweden – Deutschland 3:1 (1:1)

1982
Deutschland – Portugal 3:1 (2:1)
Brasilien – Deutschland 1:0 (0:0)
Argentinien – Deutschland 1:1 (0:1)
Deutschland – Tschechoslowakei 2:1 (1:0)
Norwegen – Deutschland 2:4 (1:3)

1986
Italien – Deutschland 1:2 (1:1)
Deutschland – Brasilien 2:0 (1:0)
Schweiz – Deutschland 0:1 (0:1)
Deutschland – Jugoslawien 1:1 (0:1)
Deutschland – Niederlande 3:1 (2:0)

1990
Frankreich – Deutschland 2:1 (1:1)
Deutschland – Uruguay 3:3 (0:0)
Deutschland – Tschechoslowakei 1:0 (1:0)
Deutschland – Dänemark 1:0 (1:0)

1994
Deutschland – Italien 2:1 (1:1)
V.A. Emirate – Deutschland 0:2 (0:0)
Deutschland – Irland 0:2 (0:1)
Österreich – Deutschland 1:5 (0:1)
Kanada – Deutschland 0:2 (0:1)

1998
Oman – Deutschland 0:2 (0:1)
Saudi-Arabien – Deutschland 0:3 (0:1)
Deutschland – Brasilien 1:2 (0:1)
Deutschland – Nigeria 1:0 (0:0)
Finnland – Deutschland 0:0 (0:0)
Deutschland – Kolumbien 3:1 (2:0)
Deutschland – Luxemburg 7:0 (4:0)

2002
Deutschland – Israel 7:1 (0:1)
Deutschland – USA 4:2 (1:1)
Deutschland – Argentinien 0:1 (0:0)
Deutschland – Kuwait 7:0 (5:0)
Wales – Deutschland 1:0 (0:0)
Deutschland – Österreich 6:2 (3:1)

2006
Italien – Deutschland 4:1 (3:0)
Deutschland – USA 4:1 (0:0)
Deutschland – Luxemburg 7:0 (3:0)
Deutschland – Japan 2:2 (0:0)
Deutschland – Kolumbien 3:0 (2:0)

2010
Deutschland – Argentinien 0:1 (0:1)
Deutschland – Malta 3:0 (1:0)
Ungarn – Deutschland 0:3 (0:1)
Deutschland – Bosnien-Herzegowina 3:1 (0:1)

2014
Deutschland – Chile 1:0 (1:0)

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Der Trampelpfad bis jetzt

Auf dem Trampelpfad zum Titel – Toni Kroos

Das 1:0 von Toni Kroos im Champions-League-Achtelfinale der Bayern gegen Arsenal war ein hübscher Schuss, zweifellos. Doch hübsche Schüsse können viele. In diesem Fall wären 90 Prozent der Schießenden wohl erfolglos geblieben, wären sie nach dem Pass auf Lahm stehengeblieben. Toni Kroos hat aber weitergedacht: Was, käme der Ball von Lahm gleich wieder zurück? Ist doch alles recht frei hier, oder? Direktabnahme! Hmm, ungünstiger Winkel, trippel’ ich doch mal präventiv ein büschen Richtung Spielfeldmitte, und wenn jetzt … BÄMM!

Eine Petitesse, sicher, aber immerhin eine aus dem richtigen Spiel. Toni Kroos war Bayern München in diesem Spiel. Seine Pässe, seine Präsenz, sein Abwägen, seine Entscheidungen. Kein Leader, sondern ein Kopf. Einer, dem in diesem Spiel alle gerne den Ball anvertraut haben, eine Ballvertrauensperson, ein Bayernballbevollmächtigter. Der in den richtigen Momenten zudem einfach auch mal draufgehalten hat. Marc Andruszko vom Schlenzer-Blog staunte schon vor Jahren über Toni Kroos:

Herr Kroos, ich erin­nere mich nicht genau daran, was Sie mit dem Ball anstell­ten, aber ich weiß noch, dass die Erkennt­nis aus die­sem Spiel mich umhaute. Ich rief noch auf dem Weg aus dem Sta­dion zur U-Bahn-Station einen Men­schen an, der genauso fuß­ball­ver­rückt ist wie ich und sagte ihm ohne Umschweife: „Ich habe Toni Kroos gese­hen. Ich habe noch nie jeman­den so intel­li­gent spie­len sehen wie ihn.“

Nun ist es so, dass herausragende Spielintelligenz manchmal nur die erfolgreiche Schwester von Lauffaulheit, Blässe und Arroganz ist. Läuft’s mal nicht so rund, taucht Spielintelligenz in keiner Statistik, in keinem Spielbericht, in keinem Fazit auf. Nicht nur ihrer mecklenburg-vorpommerschen Herkunft wegen denke ich deshalb manchmal an Tim Borowski, wenn ich Toni Kroos sehe, gerade in seinen schlechteren Spielen. Auch Borowski war ja kein Kämpfer vor dem Herrn, sondern jemand, der ein Spiel lesen konnte, der seine Mannschaft dirigieren konnte und in seinen besten Partien die gegnerische gleich noch mit dazu. Und die Kopfball-Ablage auf Klose war genauso gewollt, ganz sicher.

Und deshalb wird Toni Kroos in Brasilien das deutsche Mittelfeld bereichern. Weil er gezeigt hat (und wohl noch ein paar Mal zeigen wird), wie Bollwerke aufzudröseln sind. Weil er einen Schuss hat. Weil er einer dieser „Heroen des Spiels“ ist, von denen der Trainer jüngst schrieb, die sich „im Nichts des Spielfeld-Zentrums“ stets zurechtfinden. Weil er auch mal Wucht kann, wenn er will. Wenn nicht, ist er allerdings auch ein Kandidat für einen taktischen Wechsel in der 65. Minute., um noch mal ’ne Runde Schwung aufs Feld zu bringen.

Was aber die Bayern und Toni Kroos betrifft, hat der Herr Schulze nach dem Arsenal-Spiel dazu schon alles gesagt:

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Der Trampelpfad bis jetzt

Auf dem Trampelpfad zum Titel – Miroslav Klose

Germany vs USA | Miro Klose

Foto: Boomcha7 via Flickr unter CC-Lizenz by-nc-nd

Es war ein typischer Klose.

Lazio gegen Inter, Rom hat ganz gute Torchancen, Mailand weniger gute, zehn Minuten vor Schluss steht es 0:0. Angriff Lazio, Roms Stürmer Miroslav Klose lauert auf Höhe des Elfmeterpunkts etwa zwei Meter schräg hinter seinem Gegenspieler. Eine Flanke betritt von rechts den Strafraum. Schon als der Flankende zum Schusse anhob, startete die Miro-Maschine: Blick nur noch zum Ball, Körperschwerpunkt tiefergelegt, sieben schnelle Sprintschritte. Mit dem vierten war er am Gegenspieler vorbei, dessen – nur allzu verständlicher – Fehler es gewesen war, sich im Strafraum gleich zwei Mal zu Klose umzudrehen. Wo steckt Klose? Was macht Klose? Beim zweiten Umdrehen verpasste er den Vorspann zur Flanke; und als er sie registrierte, war es schon zu spät: Klose war längst vor ihm, hielt den rechten Fuß hin und schoss Lazio zum verdienten Sieg.

In einem Interview hatte Miroslav Klose mal gesagt, dass er durchaus „ein ziemlich dickköpfiges Bambi“ sein kann. Das ist keine schlechte Näherung an den Toreschießer der Nation. Scheu wie ein Jungreh, wenn es darum geht, große Worte und Reden zu schwingen oder totalarschlochig zum Erfolg zu kommen, dafür stur wie ein echter Pommernbursche, wenn der Ball ins Tor muss. Das klassische Beispiel dafür ist für mich das 1:0 im WM-Achtelfinale 2010 gegen England, als sie ihm wahrscheinlich noch drei weitere Briten ans Bein hätten binden können – Klose hat das Tor gewollt, Klose hätte das Tor gemacht.

Wenn die Nationalmannschaft am 16. Juni gegen Portugal in die WM startet, wird Miroslav Klose gerade 36 Jahre alt geworden sein. Seit 13 Jahren ist er bereits Miro Nationale. Und so Kloses Körper denn mitspielt, dürfte er sich an diesem Tag auch in der Arena Fonte Nova in Salvador aufhalten. Ob in der Startelf oder auf der Ersatzbank: Dieser Stürmer ist für die DFB-Elf unverzichtbar. Denn es gibt viele großartige deutsche Angreifer, aber nur noch wenige Weltklasse-Stürmer. Das ist Miro Klose zwar auch nicht mehr, aber er hat noch so seine Momente – wie diese 81. Minute gegen Inter Mailand. Und auf genau diese Momente sollte Joachim Löw nicht verzichten wollen.

Ja, ich kann Miroslav Klose auch sonst ganz gut leiden. Er salbadert nicht umher, arbeitet für seine Mannschaft, hat ein fantastisches Kopfballspiel. Er scheut keinen Zweikampf, besitzt einen tollen Blick für den richtigen Pass, gibt nie auf. Er hätte die WM-Rekorde verdient (noch zwei Tore, noch sieben Spiele), er hat Zwillinge, er ist ein Zimmermann. Doch selbst, wenn er das alles nicht wäre und hätte: Wenn Deutschland im Viertelfinale in der 70. Minute 0:2 zurückliegt, ginge es mir mit einer Klose-Einwechslung gleich viel besser.

Es wird, wenn er denn teilnimmt, die letzte Weltmeisterschaft für Miroslav Klose werden. Es werden schon vor dem ersten Anpfiff zu Recht große Porträts über ihn geschrieben und gesendet werden. Wie allen deutschen Fußballern dieses Jahrhunderts fehlt ihm noch ein Titel, nur wenigen anderen würde ich den mehr gönnen. Doch selbst wenn das nicht klappt: Den einen, finalen Salto muss Miroslav Klose dann doch noch schlagen.

ps: Miroslav Klose sagt: „Ich will keinen Freifahrtschein. Und der Bundestrainer wird auch keinem Spieler einen Freifahrtschein geben. Man muss sich alles selbst erarbeiten wie so viele andere Dinge im Leben.“

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Auf dem Trampelpfad zum Titel:
Carta non grata
Per Mertesacker
Auskatern in Solna

Auf dem Trampelpfad zum Titel – Carta non grata

Mit der Statistik ist das im Fußball ja immer so eine Sache. Aber trotzdem.

Referee

Foto: John Henry Mostyn auf Flickr unter CC-Lizenz by-nc-sa

In den 101 Spielen, die Joachim Löw die deutsche Nationalmannschaft mittlerweile betreut hat, sahen die Männer mit dem Adler auf der Brust 100 Gelbe Karten (Gelb-Rot/Rot = 2 Gelbe). Mein Big-Data-Rechenorakel verrät mir nun: In jedem Spiel seit dem Juli 2006 hat durchschnittlich ein deutscher Nationalmannschaft eine gelbe Karte gezeigt bekommen.

Das ist nicht viel. Im Gegenteil: Das ist sogar sehr wenig. Die aktuelle Kartenstatistik der Bundesliga und 2. Liga zeigt, dass lediglich Dortmund (1,1), Bayern, Wolfsburg (je 1,3) sowie Schalke und der 1. FC Köln (1,4) halbwegs in die Nähe des Löwschen Schnitts kommen. Und hier sind die Gelb-Roten und Roten Karten nicht mal mit eingerechnet.

Auf diesem handelsüblichen Kartenschnitt spielte die DFB-Elf auch in den sechs Spielen nach dem Trainerwechsel 2006 (1,83 Gelbe Karten pro Spiel). Dann sank der Schnitt rapide (2009: 0,63), um sich auf immer noch niedrigem Niveau einzupendeln (2012: 1,07, 2013: 1,36). Es gab Zeiten (2009/2010), da hat die Mannschaft in sechs Spielen eine einzige Karte kassiert.

Ohne die Zahlen vor Löw genau zu kennen, möchte ich behaupten: So wenig gelb war selten. Die Gelbe Karte ist in der aktuellen Spielphilosophie ein unerwünschter Gast, eine Carta non grata quasi. Sie gehört für Löw nicht zum Fußball dazu, sondern ist bei Spielentgleisungen dann eben hinzunehmen. Nägschde Mal müssen wir des anderslösn, gansglar.

Die Nationalmannschaft will den Ball haben und halten und spielen und behalten und damit Tore schießen. Sie will ihn zurückerobern, nicht ihn sich erkämpfen müssen. Dräut am Horizont ein Zweikampf herauf, ist ein kluges Abspiel die erstbeste Option. Das Duell Mann gegen Mann ist potenziell gelbgefährdet und überhaupt risikobehaftet – schließlich könnte der Ball verloren gehen – und von daher zunächst mal die schlechtere Option.

Wie oft saß ich vor dem Bildschirm und habe spieleuphorisiert den ballführenden Germanen angefeuert: „Jau! Und los jetzt! MACH! IHN!! NACKISCH!!!“ Und dann sank ich desillusioniert zurück, weil der Systemspieler den taktisch wertvollen Flachschnellpass wählte. Kein Zweikampf, keine Karthasis, keine Gelbe Karte. Aber ja eben auch: kein Ballverlust.

Das ist, glaube ich, auch der Grund, warum das moderne 80-Prozent-Ballbesitz-Passfußballspiel manchmal von auch ansonsten durchaus besonnen daherkommenden Menschen einfach nur gehasst wird: Weil diese verfluchten Tikitakerianer einem verdammt nochmal das Meersalz in der Suppe vorenthalten. Die Zweikämpfe. Die dann ab und an zu Fouls und Gelben Karten führen.

So weit, so gut, so nachvollziehbar. In Löws Zeit (101 Spiele) hat die deutsche Mannschaft allerdings ganze 16 Spiele mehr Gelbe Karten als der Gegner erhalten. In jedem sechsten Spiel nur. In keinem der drei wichtigen Spiele der Löwschen Ära (2008 gegen Spanien, 2010 gegen Spanien, 2012 gegen Italien) hat die Mannschaft öfter gelb gesehen als der Gegner.

Und jetzt nochmal zum Anfang: Mit der Statistik ist das im Fußball ja immer so eine Sache. Was bedeuten schon Gelbe Karten? Was bedeuten Durchschnitte, in denen auch Gurkenspiele zählen und Fehlentscheidungen? Was bedeutet eine Gelbe Karte mehr als der Gegner, wenn der nunmal öfter ins Tor trifft? Ja, genau: Im Zweifel jarnüscht.

Aber trotzdem. Sind wir uns einig, dass wir in diversen Spielen von Bedeutung zu ganz bestimmten Momenten Spielaktionen bei den Deutschen vermisst haben, die – wenn es doof läuft – auch zu einer Gelben Karten – Ihgittigitt! – hätten führen können? Wurden diese Aktionen vermieden, weil Gelbe Karten böse und unter jeden Umständen zu vermeiden sind? Sitzt das Löwsche Taktikkorsett zu eng, wenn es mal eng wird? Hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zu viel Angst vor Gelben Karten?

Und ich meine damit nicht bösartige Fouls, Schwalben oder alberne Nicklichkeiten. Ich meine ehrliche Zweikämpfe, die mit aller Vehemenz geführt werden, weil da jemand der Meinung ist, jetzt müsste aber mal ein ehrlicher Zweikampf geführt werden. Nicht das ganze Spiel lang, aber manchmal. Und ich schreibe bewusst auch nicht von einem wie auch immer gearteten Klopper vom Dienst, der mal eben Leader spielt, die Fresse aufreißt und in der Gegend umherholzt.

Na ja. Dünnes Eis, ich weiß. Die Mannschaft ist neben Spanien die erfolgreichste Nationalelf der Welt und spielt einen großartigen Fußball. Ihr fehlt ein Titel, aber es gibt Schlimmeres. Ich fände es aber gut, bekäme sie in einem „Spiel um alles“ mal mehr Gelbe als der Gegner – und schösse dann mehr Tore. Das wäre schön.

Auf dem Trampelpfad zum Titel –
Per Mertesacker

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Foto: Daniel Zimmel auf Flickr unter CC-Lizenz by-nc-sa

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat ein Problem mit ihrer Abwehr. Das weiß, wer nicht das vergangene Jahrzehnt total ballabstinent verlebt hat. Niemand fand das doof, weil der DFB plötzlich Tore schoss und – jahaa! – schönen Fußball spielte. Dann merkten alle, dass für so ein Weltfußballtitel eine gute Abwehr doch ganz nützlich sein könnte.

Per Mertesacker spielt seit neun Jahren in der DFB-Defensive. Er ist der Größte, der jemals den Adler auf seiner Brust trug. Und heute Abend habe ich ihn beim Champions-League-Spiel gegen Borussia Dortmund beobachtet.

5. Mertesacker klärt im Fünfmeterraum vor Lewandowski.
9. Aus der Bedrängnis gelingt dem Per eine großartige Spieleröffnung mit einem nicht ungefährlichen halbhohen und -langen Pass in die Mitte – genau auf den Fuß des Mitspielers.
11. Eckball Arsenal. Die Gefahr ist da, wo Merte ist, auch wenn der Ball meterweit an ihm vorbeifliegt.
17. Subotic zielt knapp neben das Tor nach einer Ecke. Sein direkter Gegenspieler: Per Mertesacker. Der traute sich nicht recht, beherzt zum Ball zu gehen. Angst vor einem Foul?
19. Arsenal mit Schwierigkeiten beim Spielaufbau. Merte an der eigenen Eckfahne, ein mittelriskanter Pass zum Torwart, aber: Problem souverän gelöst.
21. Wenn Mertesacker sich mal bis zum Mittelkreis traut, dann hastet er zu einem Eckball oder erstickt – wie jetzt – taktisch nicht unklug einen potenziellen Konter.
30. Mertesacker überquert den Platz, denn es gibt Freistoß für Arsenal. Der Freistoß versackt, und Mertesacker rennt wieder zurück. Es ist dies das Los eines kopfballstarken Verteidigers.
31. Der rasende Reus eilt mit Ball am Fuß gen Arsenal-Strafraum. Dort steht ein Mertesacker, der zum richtigen Zeitpunkt an genau der richtigen Stelle den Fuß herausstreckt und damit die Situation sofort entschärft.
35. Merte steht bei einer Blaszykowski-Flanke silberrichtig und haut ein halbes Luftloch. Lewandowski war jedoch aus reinem Respekt längst auf Abstand geblieben, der Ball trudelt aus.
37. Bei einem Konter gerät Arsenals Abwehr in Unterzahl. Mertesacker stößt einen traditionellen Hannoveraner Fluch aus, und prompt vergibt Mchitarjan aus 1-a-Einschussposition.

Überhaupt kann ich, glaube ich, gar nichts Schlechtes schreiben über so ein Tanz-Talent. Erstmals staunte ich über Per Mertesacker allerdings, als er bei der WM 2006 gefühlt alle Zweikämpfe gewann und niemals Foul spielte. Man sieht Mertesacker selten unlässig. Behäbig, ja, ungelenk manchmal. Aber immer: lässig. Unhektisch. Beruhigend. In bestimmten Spielsituationen können das genau die notwendigen Charaktereigenschaften sein.

48. Merte lässte eine nicht mal sonderlich harmlose Flanke mit Absicht durch. Er sieht, dass kein Gelber lauert und sein Torwart den Ball bekommen wird.
50. Foul von Mertesacker nach einem Zweikampf mit Marco Reus. Allein: Es war keines. Kein bisschen. Merte hat den Ball abgewehrt und nix weiter. Aber: Kein Murren, kein Maulen.
52. Tor für Dortmund. Merte bleibt cool, ein klares Abseits.
62. Arsenal geht 1:0 in Führung. Per Mertesacker weiß, dass ihn eine aufregende Schlussphase erwartet.
64. Und da geht’s schon los: Beim ersten Duell kann er Lewandowskis Flanke abwehren, die zweite muss Merte durchlassen, weil: zu langsam. Das bleibt allerdings folgenlos.
66. Merte segelt im Fünfmeterraum Zentimeter am 2:0 vorbei. Dafür fehlt er hinten, dort muss der Mesut für den Per aushelfen.
70. Eckball Arsenal. Mertesacker springt gar nicht richtig, streckt sich nur mal so mit Schwung nach oben, und sein Kopfball geht knapp drüber.
79. Merte mault, weil Weidenfeller den Ball verfehlt und stattdessen Mitspieler Koscielny umrammelt.
82. Per Mertesacker köpft den Ball aus der Gefahrenzone – exakt auf den Fuß eines 25 Meter entfernten Mitspielers. Man kann so etwas gar nicht oft genug schreiben. Arsenals Passgenauigkeit von 75 Prozent ist mindestens auch Mertesackers Passgenauigkeit.
94. Zweikampf im Strafraum: Lewandowski versucht einen Rückseitfallzieher, Mertesacker hat ihm dabei väterlich die Hand auf die Schulter gelegt. Kein Tor, kein Foul. Arsenal gewinnt. Und Per Mertesacker hat nach dem Trikottausch ein viel zu kurzes BVB-Shirt an.

Ob er einer der zwei besten deutschen Innenverteidiger ist, wissen die Menschen, die dafür bezahlt werden. Dass Per Mertesacker dem DFB-Team helfen kann, nächstes Jahr Weltmeister zu werden – davon bin ich überzeugt.

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