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Bergring Teterow in der DDR: „Ost-Orgie“ oder doch einfach nur ein Motocrossrennen

015 DDR. Jugend. Berlin 1983

Zwei mythische Städte im Alten Testament, die wegen der Sünde ihrer Einwohner von Gott vernichtet wurden. Umgangssprachlich eine katastrophale Situation oder einen Ort zügellosen, unkontrollierbaren Geschehens.

Soweit die Definition von Sodom und Gomorra. Sünde also, katastrophal, zügellos, unkontrollierbar. So muss es demnach damals zugegangen sein bei der „abgefahrenen Ost-Orgie“, wie das Bergringrennen in Teterow bei einestages, dem Zeitgeschichte-Portal von Spiegel Online, im Vorspann angekündigt wird. Am Pfingstwochenende seien „Staatsfeinde in Feierlaune“ gewesen, Zigtausende Jugendliche hätten auf dem Bergring Widerstand gegen die DDR-Obrigkeit geleistet. Die passende Überschrift: Sodom und Motorrad.

Nun ist das ja so eine Sache mit den Überschriften: Kurz und knapp sollen sie sein, Aufmerksamkeit sollen sie erregen, Reizwörter sind nicht schlecht, Wortspiele können funktionieren. Ärgerlich wird es aber immer dann, wenn sie etwas versprechen, was im Text nicht gehalten wird. Im Text – oder in der Realität.

War also der Bergring zu DDR-Zeiten ein Ort zügellosen, unkontrollierbaren Geschehens?

Ich weiß es nicht, war nie da. Der Fotograf Siegfried Wittenburg, geborener Warnemünder und Autor der einestages-Geschichte, hat 1982 und 1983 auf dem Bergring fotografiert. Und zu den Bildern hat er einen Text geschrieben, der vor allem die beschreibt, die damals in Scharen gen Teterow kamen: Jugendliche.

Dabei ließen sich die jungen Leute bereitwillig verewigen, stellten sich in Pose, mit Flasche oder ohne. Aber sie entsprachen damit eben so gar nicht dem sozialistischen Idealbild. Sie brachen aus dem Alltag aus, um allen zu zeigen, dass sie selbstbestimmt leben und keine „allseitig gebildeten sozialistischen Persönlichkeiten“ sein wollten. (…) Die reichlich zitierten Berichte von Volkspolizei und Staatssicherheit lassen keinen Zweifel daran, dass die „Tramper und Gammler“ der Staatsfeind Nummer zwei waren, gleich nach den westlichen Agenten und Saboteuren.

Die Kommentare unter dem Artikel gleichen allerdings die arg reißerische Spiegel-Ankündigung wieder aus, „ziemlich albern“ sei „diese von Unwissen und Unverständnis strotzende nachträgliche Überhöhung alltäglichen Geschehens und Verhaltens“. Und selbst Autor Siegfried Wittenburg, der Überschrift und Vorspann vielleicht so nicht gewählt hätte, meldet sich daraufhin nochmal und stellt klar: „Natürlich war das Teterower Bergringrennen keine Veranstaltung von Widerstandskämpfern aus der Sicht der Teilnehmer. Aus der Sicht der Staatsmacht schon.“

Foto: ulrichkarljoho – ddr-jugend in berlin 1983

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