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Nur kein Stress: Sieben Ideen für technische Entschleunigung im Alltag

Menschärgerdichnich

Okay, geben wir es doch zu: Wir packen’s nicht! Noch nicht. Das mit der Digitalisierung ging uns ein bisschen flott, unsere Hirne hinken der technischen Entwicklung hoffnungslos hinterher, wenn sie denn hinken könnten. Viele sind irgendwann mal in ihrem Leben heillos überfordert mit diesen ganzen Dingen, die man nicht riechen und schmecken und anfassen kann, nur sehen, hören, lesen.

Manche gehen dann regelmäßig offline, um sich zu beweisen, dass sie es noch können. Manche machen zum Ausgleich Yoga oder Guerilla Gardening oder beides, um wieder Kraft zu tanken fürs Tippen, Klicken und Wischen in Hochgeschwindigkeit. Manche kaufen sich die „Flow“, machen alles nur noch halb so schnell, sagen andauernd „Nein“ und legen sich ein Malbuch-Abo zu.

Doch was hilft wirklich, wenn man zwei Schritte zu flink nach vorn gemacht hat? Genau, erst mal wieder entspannt einen zurück! Übersetzt auf den regelmäßigen Gebrauch von Unterhaltungselektronik bedeutet das: Seid doch mal ein bisschen weniger New York City und ein wenig mehr Mecklenburg-Vorpommern! Gaaaanz ruhig! Das wird schon!

Doch wie anstinken gegen das digitale Höherweiterschneller? Ich hätte da so ein paar Ideen …

Kassetten-App

Ich nenne sie: Magnetic! Pro Tag kann man mit ihr nur zwei Mal 45 Minuten lang Musik hören. Zwischendurch muss man das Smartphone umdrehen, damit es weiterspielt. Ab und zu gibt es Bandsalat, das heißt: Die App schmiert zufällig ab und muss neu käuflich erworben werben. Vorspulen und Songs skippen gibt’s nicht, außer mit einem auf dem Display dauergedrehten Bleistift. Dafür kann man ein Mal im Monat eine personalisierte 2×45-Minuten-Playlist erstellen, mit einem eigens gestalteten Mixtape-Cover verzieren und mit einem ausgesuchten Follower teilen.

Hipster-Cam

Wichtigstes Merkmal: Nach 32 Bildern ist Schluss. Will man noch mal 32 knipsen, muss die Kamera zu einem speziellen Entwickler in Berlin-Neukölln geschickt werden, der sie nach frühestens zwei Tagen wieder entsperrt. Diesen Service bieten sonst alternativ auch diverse Drogeriemärkte an. Außerdem muss nachgewiesen werden, dass die vorherigen 32 Bilder entwickelt, sprich: ausgedruckt worden sind. Dafür werden sie in einem speziellen Format auf der Kamera gespeichert, das ein Bearbeiten und elektronisches Verschicken nicht zulässt auf jedweden Manipulationsversuch sofort mit Selbstauflösung reagiert. Will man die Kamera selbst entsperren, muss man sich mit ihr anderthalb Stunden in eine spezielle Dunkelkammer einsperren.

www.gutealtezeitung.de

Das ist eine Webseite, die Nachrichten ausschließlich mit einer Verzögerung von mindestens zehn Stunden weitergibt. Sie hat keine Kommentarfunktion, dafür einen universellen Themenmix und eine strikte Begrenzung auf 200.000 Zeichen pro Tag. Enthalten sind beispielsweise Horoskop, Sudoku, einige ausgewählte Leserbriefe, das aktuelle Streaming-Programm und funky Kaninchenzüchterartikel. Das Teilen von Artikeln ist nicht vorgesehen, maximal ein per E-Mail verschicktes Bildschirmfoto wird von der Seite toleriert. Damit die Webseite benutzt werden kann, braucht es einen Freischalt-Code, den ein Lieferdienst-Bote vorbeibringen muss. Und zum Abo-Start gibt’s Fisch-Einwickel-Papier gratis!

Brettspielkonsole

Die Woodboxstation ist ausschließlich an einem Esstisch zusammen mit mindestens drei Verwandten nutzbar, dafür wird vorher ein integrierter Video-Check durchgeführt. Der prüft auch akribisch, dass vor dem Spiel mehrere Dutzend Pappteile zusammengebastelt und zu einer Spielelandschaft aufgebaut worden sind. Gezockt werden können zunächst ausschließlich Mensch-ärgere-dich-nicht, Trivial Pursuit und die Siedler von Catan. Jedes Jahr kommt in einem Upgrade das „Spiel des Jahres“ dazu. Die Konsole ist bruch- und wasserdicht und somit für verliererwütende Runterschmeiß- und Ins-Klo-Tauch-Aktionen bestens präpariert. Es gilt stets die alte Regel: „Berührt, geführt“. Und der Verlierer ist automatisch ein Tag lang für das hausinterne W-Lan gesperrt.

Röhrenstreaming

Bei diesem TV-Trend gibt es nur Serien, die Minimum zehn Minuten zum Warmlaufen benötigen – vorher is nur Krissel auffem Bildschirm. Dann gibt es maximal drei Sendungen gleichzeitig zur Auswahl. Das Programm läuft ausschließelich in schwarzweiß und nur von 10 bis 22 Uhr. Die einzelnen Folgen werden von Ansagern angesagt, die an Nussholztischchen emotional unterbegabt die komplette Folge spoilern. Zwischendurch muss man kräftig aufs Empfangsgerät hauen, damit das Bild wieder stimmt. In den Fußgängerzonen gibt es regelmäßig glotzende Menschentrauben vor Schaufenstern, in denen der heiße Scheiß in Schleife läuft. Und natürlich: keine Fernbedienung! Kein Dolby! Kein Abo!

Vintage-Navi

Das Gerät ist Minimum drei Quadratmeter groß. Es nervt regelmäßig mit dummen Beifahrersprüchen und ist nicht für Updates geeignet. Wo man herkommt und wo man hinwill muss der Nutzer selbst rausfinden. Mit der Zeit leuchtet das Display sonneneinstrahlungsbedingt nur noch Sepia-Farben. Das Navi zeigt regelmäßig falsche Routen an und stellt selbst bei dezenter Kritik sofort seinen Dienst ein. Bei zu großem Zoom-Faktor – wenn man beispielsweise einzelne Straßen oder gar Gebäude sehen möchte – kommt unweigerlich der Spruch (mit Dieter-Bohlen-Stimme): „Frag doch einfach mal ’nen Menschen auf der Straße, du Honk!“ Alternativ muss man eben ein zweites Navi extra für jede Stadt kaufen. Und ein deutscher Verlag hat hundert Jahre lang die Grundrechte auf sämtliche Kartendaten.

Einkaufsbummel-Portal

Vor dem Auswählen des in Frage kommenden Online-„Ladens“ braucht es mindestens 30 Minuten, um die – natürlich proprietäre – Software zu installieren. Das heißt dann im Installations-Dialog der Einfachheit halber: „Parkplatzsuche“. Nach dem Start des Portals braucht es mindestens 10 Minuten Wartezeit für das Suchen einer fachkundigen Verkäuferin. Dann braucht es mindestens anderthalb Stunden Wartezeit für die ersten wichtigen Informationen zu den gewünschten Sachen: „Die Größe ist nicht da, kommen Sie nächste Woche bitte wieder!“ Die Preise sind grundsätzlich zu hoch, es gibt pro Tag nur fünf neue Sachen zur Auswahl. Das Portal schließt werktags um 17.58 Uhr und samstags um 11.53 Uhr. Und am Sonntag können dort nur User mit IP-Adresse aus einem deutschen Ostseebad shoppen.

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Netz

Spam ist nicht nur ein Palindrom: HBS-Kundencenter, Martina Wolff und finantop24.com

Heute: HBS-Kundencenter

Sehr geehrte(r) Kunden-Nr. G-29875,

dieses ist unser dritter und somit letzter Versuch:

Bitte schließen Sie hier Ihre kostenlose Anmeldung ab, da wir ansonsten
Ihr Guthaben nicht überweisen können.

Nach Ihrer Anmeldung starten Sie einfach nur die Software, bereits nach
1 Stunde steht Ihnen Ihr Guthaben von mindestens 2.674,00 Euro zur Verfügung.

Für Rückfragen erreichen Sie uns wie gewohnt,

Mit freundlichen Grüßen,

Ihr HBS Kundencenter

Martina Wolff

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Netz

Facebooks Nachrichten von „Neueste Meldungen“ auf „Hauptmeldungen“ umstellen

Geht so:

Facebook-Freund José Harvey empfiehlt, sich von einer auf neueste Meldungen eingestellten Facebook-Seite ein Bookmark zu legen und Facebook zukünftig über dieses Bookmark zu entern.

Die Quelle ist dieses Splitterbrötchen von Chris Kurbjuhn, und jetzt gehet hin und verbreitet das Wissen wider den Algorithmus in die ganze Welt!

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Netz Spaß

„Der menschliche Körper“ heute: Das Internet der Dinge

Basiert auf „Der menschliche Körper“ von Otto Waalkes.
Dessen Stimmenvielfalt ab jetzt bitte dazudenken.

– – –

Das Internet der Dinge, meine Damen und Derren!

Ich möchte heute ein wenig dazu beitragen, dass der Mensch seine Freunde, die Alltagsdinge, besser verstehen lernt. Schauen wir doch deshalb einmal in solche Dinge hinein! Und lernen wir begreifen, wie wunderbar Alltägliches, ja selbst Banales aus der Sicht der Dinge ist.

Zum Beispiel das Wunder des Shitstorms!

Wir befinden uns jetzt im Smartphone von Herrn Sost. Herr Sost sitzt in einer Kneipe, die Zapfmaschine arbeitet gut, die anderen Geräte räkeln sich in der Gegend herum.

Da plötzlich meldet sich Siri:
Siri an Google, Siri an Google: Habe soeben das Wort ‚Troll‘ entgegen nehmen müssen!
Google an Siri: Von wem?
Siri an Google: Ich kann nichts sehn, mal Satellit fragen.
Google an Satellit: Wer hat da eben ‚Troll‘ gesagt?
Satellit an Google: Der Typ der uns gegenüber sitzt, breite Schultern und ein altes Nokia in der Hand.

Google an alle: Fertig machen zum Shitstorm!

Google an Kühlschrank: Red-Bull-Ausstoß vorbereiten!
Funktionsjacke an Google, Funktionsjacke an Google: Was ist denn da los bei euch, ich krieg hier ja überhaupt nichts mit?!
Google: Brauchst auch nix mitzukriegen, halt dich da raus aus dem Chatverkehr!

Google an Thermostat: Raumtemperatur steigen lassen!
Thermostat an Google, Thermostat an Google: In Ordnung, gestiegen!
Kneipenkasse an Google, Kneipenkasse an Google: Wo bleibt denn der Club-Mate, ich krieg ja überhaupt nichts zu tun hieeer!?
Google an Fitnessarmband: Straffen!
Funktionsjacke an Google: Soll ich mich auch straffen?
Google: Schnauze!

Google an Leihwagen: Ausfahren!
Funktionsjacke an Satellit: Ich sehe was was du nicht siehst!
Satellit an Funktionsjacke: Das glaubst du doch wohl selber nicht, du blinde Nuss!
Kneipenkasse an Google: Was is’ nu mit dem Club-Mate?
Google: Also Ruhe zum Donnerwetter, wie soll man da vernünftig scheißestürmen, da geht ja alles durcheinander, alles auf mein Komando, ist das klar!?
Funktionsjacke: Nee, keine Lust!
Google: Noch so ne‘ freche Bemerkung und du gehst offline, Funktionsjacke!
Google an Leihwagen: Ausfahrn und verletzen!
Leihwagen an Google: Ich trau mich nicht.
Funktionsjacke: Feigling, Feigling!

Facebook an Google, Facebook an Google: Jungs nu lasst doch mal die Aufregung, ihr zieht doch sowieso den Kürzeren.
Google an Facebook: Vielen Dank für den Tipp, Google an alle, Ärger langsam eindämmen, Red-Bull-Zufuhr stoppen und Shitstorm langsam abflauen. Achtung, fertig machen zum Faven und Liken! Google an Amazon, zwei Yogi-Tee bestellen, eins für den Herrn gegenüber und eins für die Kneipenkasse! Prost!

küssende Ottifanten

Foto: Matthias Wicke via Flickr unter CC-Lizenz by-nc-sa

– – –

Hier noch das unerreichte Original:

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Blog Familie Netz Spaß Sport

Drei verweisenswerte Jahresend-Verweise in (fast) eigener Sache

Um das Jahr noch ein wenig rund zu machen, haue ich mal drei willkürliche Querverweise raus auf äußerst empfehlenswerte Seiten.

satgZum einen wäre da Steffi. Die Freundin meiner Schwester ist für ihr Politik-Studium in Kamerun und schreibt darüber. Das macht sie regelmäßig, begleitet von vielen Bildern und in einer angenehm klaren Sprache, fokussiert und doch nicht ohne Blick für die kleinen, spannenden Dinge. Sogar Videoschnipsel sind ab und zu dabei und vermitteln einen kleinen Eindruck von dem zentralafrikanischen Land. Ich lese gerne, wenn andere von der Welt berichten und kann das Blog „Steffi Around the Globe“ deshalb nur empfehlen. Als Einstiegstext ganz gut macht sich vielleicht zurzeit „Weihnachten bei Familie Dongué“ „Silvester, denn wer weiß hierzulande denn schon, was eine kamerunische Familie zum Weihnachtsschmause so isst zum Silvesterfeste anstellt?

dieaDann ist da Alex. Ein gute Freundin, die ein Gestaltungsbüro bei Greifswald hat und Dinge schöner macht. DieARTige heißt das Ganze, und wer uns schon mal besucht hat, kennt vielleicht die großartigen Namensbilder, die als Geschenk für Geburten oder Umzüge fast unschlagbar sind. Auf der Seite gibt es jetzt auch ein Blog, wo Alex Deko-Tipps für jede Gelegenheit und jeden Geschicklichkeitsgrad gibt. Alex gestaltet Räume, Karten, Logos, Bilder, Flyer, Webseiten, und das macht sie deshalb, weil sie es kann.

Und schließlich gibt es da ein Fußball-Turnier, das jedes Jahr viele Kinder und Erwachsene auf die Beine bringt und zu Jahresbeginn die besten Fußballspieler unter 13 Jahren nach Neubrandenburg bringt. Dieses Jahr ist mit Tottenham Hotspur erstmals ein Verein aus der englischen Premier League präsent, das Jahnsportforum ist bereits ausverkauft, und es wird wieder ein großer Spaß werden. Seit Jahren schreibe ich den Live-Ticker direkt aus der Halle, und es ist immer ein schöner Arbeitstag. Am 10. Januar ist es wieder soweit, dann ist auf dieser Nordkurier-Seite deutlich was los. Im dazugehörigen Facebook-Kanal treffen sich schon jetzt Kicker, Eltern und Freunde zur gepflegten Vorfreude. Dort findet man auch das Turnier-Maskottchen namens Toppi, den ich an dieser Stelle mal etwas zweckentfremde, um auch den Lesern dieser kleinen Netznische ein fröhliches Silvester und ein sehr schönes neues Jahr zu wünschen. Bis 2015!

Toppi_silvester

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Netz

Google-Autovervollständigungen zu Städten in MV: happy, schön und tot

Bin gestern über einen Artikel der Berliner Zeitung gestolpert, in dem jedem Stadtbezirk der jeweils erste Begriff bei der Google-Autovervollständigung (kann dafür bitte jemand einmal ein neues Wort erfinden?!) zugeordnet wurde. Habe das ganze dann spaßeshalber mal mit Städten in Mecklenburg-Vorpommern exerziert.

Wappen_RostockRostock ist …
… ’ne schöne Stadt
… überall
… hässlich

Wappen_SchwerinSchwerin ist …
… die Hauptstadt von
… happy
… tot

Wappen_NeubrandenburgNeubrandenburg ist …
… happy
… schön
… was ist los

Wappen_StralsundStralsund ist …
… eine Insel
… eine Hansestadt
… schön

Wappen_GreifswaldGreifswald ist …
… langweilig
… alle
… schön

Wappen_WismarWismar ist …
… schön
… eine Hansestadt
… was ist los

Ich kaufe ein „Hihi!“ und möchte dann lösen: Rostock ist ’ne schöne Stadt, Schwerin ist die Hauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern, Stralsund ist keine Insel, Greifswald ist mitnichten alle und Wismar definitiv eine Hansestadt.

Zu den nächstgrößeren Städtchen in MV, Güstrow, Waren, Neustrelitz und Parchim, fällt Google lediglich noch die für Außenstehende wahrscheinlich naheliegende Frage „Wo ist das?“ ein, und das wars dann auch schon mit der Autocomplete-Herrlichkeit.

Auch noch sehr schön: Fragt man via Google die größeren Städte in Mecklenburg-Vorpommern mit „Gibt es in xy …“ ab, schlägt die Suchmaschine jedes Mal dieselben drei Begriffe vor: „Flughafen“ sowie die zeitgenössischen Textilmanufakturen „Primark“ und „Hollister“.

Da bleibt anschließend nur noch zu beherzigen, was Google selbst der Autovervollständigungs-Funktion so schön halbphilosophisch mit auf den Weg gibt: „Wie das Web selbst wirken die angezeigten Suchbegriffe daher unter Umständen merkwürdig oder verwunderlich.“

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Netz Spaß

TaubenTube: Aus Neubrandenburg Süd in die Welt

Wieder mal ein neuer Teil aus der Serie „Was ich ohne Internet nie gesehen hätte“. Durch einen Filter lasse ich mir seit einiger Zeit bei Twitter alle Neubrandenburg-Einträge in einer Tweetdeck-Spalte anzeigen. Und vor ein paar Tagen sah ich dann das hier:

Wir sehen eine Wiese neben der Möbelstadt Rück, einen polnischen Lkw und zwei Männer. Die beiden hantieren an der Seite der Ladefläche, und dann beginnt das große Flattern: Mit einem Mal entfleuchen hunderte Tauben den Käfigen. Und wenn die anfängliche Skepsis („Die fliegen sich doch alle über den HAUFEN!“) ver… na ja, eben verflogen ist, ist das sehr schön anzusehen und anzuhören.

Auch die beiden Polen bringen ein wenig Action in den Film: Während sich der eine auf dem Weg zum Kameraauschalten ein paar Taubenfedern von der Stirn wischt, scheucht der andere noch die letzten die Nachzügler-Tauben aus dem Schlag. Ein letzter Schwenk auf den hinfortmäandernden Taubenschwarm (irgendwo las ich, dass es Tauben-Stich hieße) – und fertig ist das Kleinkunstwerk.

Die Faszination von Taubenflugstarts (da gibt es doch bestümpt einen Fachbegriff für, nech?) erschließt sich noch mehr, wenn der entsprechende Youtube-Kanal „The Gold Pigeon“ nach weiteren Starts in Neubrandenburg durchforstet wird. Da haben wir hier einen Start mit schüchternem Einstiegs-Winken und starkem Wind-Sound oder hier einen mit gleich vier Taubenliebhabern. Manchmal wollen manche Tauben partout nicht losfliegen, manchmal sind die Schwarmbewegungen ganz besonders gut zu erkennen. Immer aber glaube ich auf dem Gesicht des Jogginganzug-tragenden Mannes, der am Ende auf die Kamera zukommt, ein winziges Lächeln auszumachen, wenn er seine Täubchen davonflattern sieht.

Auf den Taubenlastern steht „Połczyn-Zdrój“, die polnische 7000-Einwohner-Stadt – deutsch: Bad Polzin – liegt in Westpommern, etwa 130 Kilometer von Stettin entfernt. Sie ist ein anerkannter Moorkurort, durch den ein idyllisches Flüsschen namens Taubenbach fließt. Ob das Zufall ist oder der Ort das Taubenzuchtmekka Polens, konnte ich nicht feststellen.

Dafür aber, dass die Polziner Taubenzüchter auch in Tantow (bei Penkun) oder Zarrentin in Westmecklenburg regelmäßig ihr Tauben-Unboxing betreiben. Und aus Zarrenting stammt auch das abschließende Video, das aus zwei Gründen bemerkenswert ist. Zum einen schwirren die Viecher hier mal zur Abwechslung direkt auf den Betrachter zu, was kurzzeitig zu einer netten „Die Vögel“-Gruselei führt.

Und zum anderen sind 20 Sekunden nach Öffnen der Tore alle Tauben ausgeflogen. Denkt man. Doch es sind dieses Mal offensichtlich zwei Slacker-Täuberiche mit dabei. Nach einer zwanzigsekündigen Taubenstartpause bequemen sich die beiden dann endlich auch heraus. Eine Szene wie geschaffen für einen pommerschen Disney- oder Pixar-Tauben-Helden:

„Joaah, wat ist denn das für ein Krach hier im Schlach! Ruhe da vorne! Ick bün noch nich feddich mit mei’m Morgengurren! Himmeldonnerwedder! Ey, Andrzej, weissu, watdat soll?“
„Nö, Walter. Abä die sin alle wech.“
„Oooaahnö! Nich schon wiedä!“
„Doch. Wir müssen! Los, komm!“
„Menno! Ein letztes Körnchen noch …“
„ABFLUG!“
„Na gut.“

Und dann war da – passend dazu – noch das hier:

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Netz

Flätta

7064694197_2f1ff699bb_nSeit einem halben Jahr bin ich bei Flattr. Ich haue da im Monat ein paar Euro drauf und kann somit auf vielen Seiten im Netz Geld geben. Das englische to flatter bedeutet, jemandem zu schmeicheln, und genau so empfinde ich das auch: „Hey, dein Text, dein Bild, deine Anregung gefallen mir so gut, dass ich dir ein wenig schmeicheln will.“ Etwa ein halbes Dutzend Mal im Monat klicke ich dann – so vorhanden – auf den Flattr-Knopp auf der jeweiligen Seite und beschmeichele den Urheber mit ungefähr dem Gegenwert von einem oder zwei Brötchen.

Weil es mir das wert ist.

Foto: Flattr via Flickr unter CC-Lizenz by-sa
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Blog Netz sl.

Demut

Neubrandenburg von oben

Das gerade frisch entpackte Jahr beginnt hier mit einer kleinen Chronisterei: Einfach mal aufschreiben, was woanders auch schon aufgeschrieben wurde. In einigen Blogs wurde über Demut nachgedacht, und das will ich gerne mal zusammenfassen.

* * *
Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach beginnt das Ganze in seinem Blog „Haltungsturnen“ mit dem Satz „Kinder und Pferde machen demütig.“ Das kann ich zur Hälfte bestätigen. Ebenso kenne ich das Gefühl der Demut, wenn das Leben seine „wilde, unbändige Seite“ zeigt und einen mal ordentlich zurechtpustet. Und das Schlusszitat eines Schweizer Theologen ist ein gar feiner Start in ein neues Jahr, finde ich:

Die einzig mögliche Antwort auf die wirklich gewonnene Einsicht in die Vergeblichkeit alles menschlichen Werkes ist, sich frisch an die Arbeit zu machen.

* * *
Felix Schwenzel mag schon das Wort „Demut“, schreibt er auf wirres.net. Und zwar Demut im Sinne von Bescheidenheit, weniger von Unterwürfigkeit oder Understatement. Sich also nicht klein machen, sondern eben nur klar damit kommen, dass man nicht unfehlbar ist. Diese Demut zu lernen sieht er als erwachsen werden, „die meisten Kinder sind unerträgliche Klugscheißer“, die eben noch nicht wissen können, dass sie oder ihre Götter und Helden wie alle anderen falsch liegen können. Das sehe ich etwas anders. Ich glaube, die meisten Kinder sind eher respektlos, sie haben kein Respekt vor nichts und niemandem, der oder das den Respekt nicht verdient hat. Demut ist für mich dagegen nichts, was ich bei anderen hundertprozentig feststellen oder vermissen kann, sie ist ungleich stiller.

* * *
Benjamin Birkenhake fährt auf „Anmut und Demut“ fort: „Man kann nicht demütig sein und zugleich ein KZ führen. Sie ist eine der Tugenden, die uns vor der Barbarei bewahrt.“ Für ihn ist Demut deshalb eine Primärtugend und eine ewige Warnung und Mahnung: Komm’ ab und zu wieder auf den Boden, sonst wird es mal eine Schlechtes mit dir werden! Und ganz besonders gefällt mir der zeitgeistige Aspekt in seiner Annäherung. Wir haben doch schon alles, was für unser Glück brauchen, lasst uns doch mal Genügsamkeit als Tugend und nicht als Schwäche ansehen. Lasst uns doch mit dem bereits Vorhandenem Neues, Besseres kreieren, anstatt nach Mehr zu streben, dass zwar mehr ist, aber mitnichten besser, sondern eben nur: mehr. Und das klingt nur konservativ, ist aber eher subtile Gesellschaftskritik:

Die Demut ist mir eine Absage, an ein Mehr, das in der Zukunft liegt. Die Demut weißt mehr Gehalt, mehr Einfluss, mehr Klicks, mehr Schulterklopfen zurück und sagt beständig: Du hast schon alles, was Du brauchst, um glücklich zu werden. Die Demut richtet sich damit aktiv gegen Macht, Ruhm und Konsum.

* * *
Daniel Brockmeier unterzieht die drei Beiträge auf seinem Blog „Privatsprache“ einer philosophischen Analyse und wechselt am Ende mal ein wenig die Perspektive (oder eben „Perspektiefe“, so wie er seine Blog-Kategorie nennt). Die Demut ist nicht so seins, „weil Demut Unterwürfigkeit zumindest konnotiert.“ Skepsis, Zweifel, Altruismus, Genügsamkeit, Bescheidenheit – das ja, aber Demut: nein. Das geht ihm zu etwas zu weit, schreibt er und zitiert Nietzsche, der das demütige Christentum „Sklavenmoral“ nannte. Demut sei immer nur gut und wichtig, wenn sie richtig eingesetzt wird. Ich finde das einen wichtigen Einwurf, den auch die größten Demut-Fans nicht vergessen sollten: Sich nicht in einer Haltung – und sei sie noch so verlockend universal einsetzbar – komplett ergehen, sondern wach bleiben, beweglich, immer auf der Suche nach dem einen Moment, an dem es für einen selbst oder für andere, einem nahe Menschen nicht mehr funktioniert.

* * *
Dann noch eine Replik von Benjamin Birkenhake, der einiges nochmal ausdifferenziert und vor allem deutlich macht:

Viertens halte ich die Demut (wie alle andere Tugenden) ja nicht für eine Supertugend, auf deren Urteil allein man sich verlassen kann und sollte. Moralischer Fortschritt scheint mir dann am effizientesten, wenn die Demut Begleitung von aktiveren Tugenden hat (wie der Anmut zum Beispiel, hehe).

* * *
Jawoll, eine Tugend kommt eben selten allein. Aber ich finde, wenn man gerade eine Wette verloren hat oder noch nach frischen Vorsätzen sucht oder generell mal eine frische Denkrichtung einschlagen möchte oder einfach nur auf Gedankenexperimente steht, der liegt mit mit einer kräftigen, gesunden Demut schon mal gar nicht verkehrt.

Sie mutet ein bisschen wie eine hipsterige Erste-Welt-Tugend an, etwas für Leute, die offenbar keine ernsteren Probleme haben. Aber das ist es nicht. Es ist auch kein Good-Feel-Baustein aus einem dieser Lebenshilfe-Ratgeber-Bestseller-Bücher, hey, mal ’me Prise Demut, dann wird das schon wieder, Kopf hoch!

Ich sehe Demut eher als eine Leitplanke, die – nicht immer, aber eben an den neuralgischen Lebensunfallpunkten – den Weg nicht einengt, aber begrenzt; die falsche Energie absorbiert und einen sanft wieder auf die Straße bringt, auf dass man nicht auf dem freien Feld landet und versumpft. Manchmal ist so ’ne Leitplanke arg uncool, weil es trocken ist und hell und man die 70er-Kurve locker mit 110 nehmen kann. Doch wenn es stürmt und schneit und es stickeduster ist, und man war noch nie in dieser Gegend und übertreibt es dann aber doch ein wenig mit der Geschwindigkeit – dann weiß man sie zu schätzen.

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Das soziale Netzwerk

Das soziale Netzwerk

Das soziale Netzwerk ist ein Modell, das über Jahre hinweg aus überholten Ansätzen und Hypothesen heraus entwickelt wurde. Es erleichtert die methodische Erforschung der Diffusion und Wirkung massenmedialer Inhalte auf einen Rezipienten, der innerhalb einer differenzierten und verzweigten sozialen Umgebung Informationen empfängt, verarbeitet und weitergibt. Dabei wird deutlich, daß das Netzwerkkonzept durchaus auch gesellschaftliche Tendenzen und Entwicklungen abbilden kann.

Tja. Ende des vergangenen Jahrtausend schrieb ich das, zu Beginn des Publizistik-Studiums im Fazit der Arbeit „Das Soziale Netzwerk“ für das Proseminar „Sozialwissenschaftliche Kommunikations- und Medienforschung“. Ich schrieb es auf einem Computer, und hätte ich damals eins und eins zusammengezählt, wäre mein Leben später in einem Blockbuster mit Justin Timberlake verfilmt worden.

Nicht.

Aber ja, das Konzept „Soziales Netzwerk“ kann durchaus gesellschaftliche Entwicklungen abbilden, wie man heute weiß. Auch wenn sich die hyperventilierende Klickibuntheit der heutigen sozialen Netzwerke marginal von dem graustaubigen Theoriegebilde unterscheidet, das während des Zweiten Weltkrieg in den USA begonnen wurde anzudenken und das später zum Beispiel die sozialwissenschaftliche Figur des Meinungsführers hervorbringen sollte, der ja auch heute als buzzword immer noch mal wieder auftaucht.

Und dass das soziale Netzwerk die Erforschung der Wirkung von Inhalten auf Menschen ungemein erleichtert, diese Erkenntnis dürfte in Riesen-Lettern an den Stahlwänden der Facebookschen Geldsilos prangen. Eine andere finde ich aber noch viel wichtiger: Die Wirkung von Inhalten auf Menschen ist demnach umso stärker, je schwächer die Verbindungen zwischen den Mitgliedern des Netzwerks ist. Gibt es eine kleine, kompakte Gruppe mit starkem Zusammenhalt, schlagen Inhalte seltener auf die Meinung des Einzelnen durch.

Wer sich also öfter manipuliert, fremdgesteuert und überbeeinflusst fühlt: Gründe eine große Familie. Dann wird alles gut.

* * *

Ach ja, die Beurteilung: Mängelrüge!

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