Nur kein Stress: Sieben Ideen für technische Entschleunigung im Alltag

Menschärgerdichnich

Okay, geben wir es doch zu: Wir packen’s nicht! Noch nicht. Das mit der Digitalisierung ging uns ein bisschen flott, unsere Hirne hinken der technischen Entwicklung hoffnungslos hinterher, wenn sie denn hinken könnten. Viele sind irgendwann mal in ihrem Leben heillos überfordert mit diesen ganzen Dingen, die man nicht riechen und schmecken und anfassen kann, nur sehen, hören, lesen.

Manche gehen dann regelmäßig offline, um sich zu beweisen, dass sie es noch können. Manche machen zum Ausgleich Yoga oder Guerilla Gardening oder beides, um wieder Kraft zu tanken fürs Tippen, Klicken und Wischen in Hochgeschwindigkeit. Manche kaufen sich die „Flow“, machen alles nur noch halb so schnell, sagen andauernd „Nein“ und legen sich ein Malbuch-Abo zu.

Doch was hilft wirklich, wenn man zwei Schritte zu flink nach vorn gemacht hat? Genau, erst mal wieder entspannt einen zurück! Übersetzt auf den regelmäßigen Gebrauch von Unterhaltungselektronik bedeutet das: Seid doch mal ein bisschen weniger New York City und ein wenig mehr Mecklenburg-Vorpommern! Gaaaanz ruhig! Das wird schon!

Doch wie anstinken gegen das digitale Höherweiterschneller? Ich hätte da so ein paar Ideen …

Kassetten-App

Ich nenne sie: Magnetic! Pro Tag kann man mit ihr nur zwei Mal 45 Minuten lang Musik hören. Zwischendurch muss man das Smartphone umdrehen, damit es weiterspielt. Ab und zu gibt es Bandsalat, das heißt: Die App schmiert zufällig ab und muss neu käuflich erworben werben. Vorspulen und Songs skippen gibt’s nicht, außer mit einem auf dem Display dauergedrehten Bleistift. Dafür kann man ein Mal im Monat eine personalisierte 2×45-Minuten-Playlist erstellen, mit einem eigens gestalteten Mixtape-Cover verzieren und mit einem ausgesuchten Follower teilen.

Hipster-Cam

Wichtigstes Merkmal: Nach 32 Bildern ist Schluss. Will man noch mal 32 knipsen, muss die Kamera zu einem speziellen Entwickler in Berlin-Neukölln geschickt werden, der sie nach frühestens zwei Tagen wieder entsperrt. Diesen Service bieten sonst alternativ auch diverse Drogeriemärkte an. Außerdem muss nachgewiesen werden, dass die vorherigen 32 Bilder entwickelt, sprich: ausgedruckt worden sind. Dafür werden sie in einem speziellen Format auf der Kamera gespeichert, das ein Bearbeiten und elektronisches Verschicken nicht zulässt auf jedweden Manipulationsversuch sofort mit Selbstauflösung reagiert. Will man die Kamera selbst entsperren, muss man sich mit ihr anderthalb Stunden in eine spezielle Dunkelkammer einsperren.

www.gutealtezeitung.de

Das ist eine Webseite, die Nachrichten ausschließlich mit einer Verzögerung von mindestens zehn Stunden weitergibt. Sie hat keine Kommentarfunktion, dafür einen universellen Themenmix und eine strikte Begrenzung auf 200.000 Zeichen pro Tag. Enthalten sind beispielsweise Horoskop, Sudoku, einige ausgewählte Leserbriefe, das aktuelle Streaming-Programm und funky Kaninchenzüchterartikel. Das Teilen von Artikeln ist nicht vorgesehen, maximal ein per E-Mail verschicktes Bildschirmfoto wird von der Seite toleriert. Damit die Webseite benutzt werden kann, braucht es einen Freischalt-Code, den ein Lieferdienst-Bote vorbeibringen muss. Und zum Abo-Start gibt’s Fisch-Einwickel-Papier gratis!

Brettspielkonsole

Die Woodboxstation ist ausschließlich an einem Esstisch zusammen mit mindestens drei Verwandten nutzbar, dafür wird vorher ein integrierter Video-Check durchgeführt. Der prüft auch akribisch, dass vor dem Spiel mehrere Dutzend Pappteile zusammengebastelt und zu einer Spielelandschaft aufgebaut worden sind. Gezockt werden können zunächst ausschließlich Mensch-ärgere-dich-nicht, Trivial Pursuit und die Siedler von Catan. Jedes Jahr kommt in einem Upgrade das „Spiel des Jahres“ dazu. Die Konsole ist bruch- und wasserdicht und somit für verliererwütende Runterschmeiß- und Ins-Klo-Tauch-Aktionen bestens präpariert. Es gilt stets die alte Regel: „Berührt, geführt“. Und der Verlierer ist automatisch ein Tag lang für das hausinterne W-Lan gesperrt.

Röhrenstreaming

Bei diesem TV-Trend gibt es nur Serien, die Minimum zehn Minuten zum Warmlaufen benötigen – vorher is nur Krissel auffem Bildschirm. Dann gibt es maximal drei Sendungen gleichzeitig zur Auswahl. Das Programm läuft ausschließelich in schwarzweiß und nur von 10 bis 22 Uhr. Die einzelnen Folgen werden von Ansagern angesagt, die an Nussholztischchen emotional unterbegabt die komplette Folge spoilern. Zwischendurch muss man kräftig aufs Empfangsgerät hauen, damit das Bild wieder stimmt. In den Fußgängerzonen gibt es regelmäßig glotzende Menschentrauben vor Schaufenstern, in denen der heiße Scheiß in Schleife läuft. Und natürlich: keine Fernbedienung! Kein Dolby! Kein Abo!

Vintage-Navi

Das Gerät ist Minimum drei Quadratmeter groß. Es nervt regelmäßig mit dummen Beifahrersprüchen und ist nicht für Updates geeignet. Wo man herkommt und wo man hinwill muss der Nutzer selbst rausfinden. Mit der Zeit leuchtet das Display sonneneinstrahlungsbedingt nur noch Sepia-Farben. Das Navi zeigt regelmäßig falsche Routen an und stellt selbst bei dezenter Kritik sofort seinen Dienst ein. Bei zu großem Zoom-Faktor – wenn man beispielsweise einzelne Straßen oder gar Gebäude sehen möchte – kommt unweigerlich der Spruch (mit Dieter-Bohlen-Stimme): „Frag doch einfach mal ’nen Menschen auf der Straße, du Honk!“ Alternativ muss man eben ein zweites Navi extra für jede Stadt kaufen. Und ein deutscher Verlag hat hundert Jahre lang die Grundrechte auf sämtliche Kartendaten.

Einkaufsbummel-Portal

Vor dem Auswählen des in Frage kommenden Online-„Ladens“ braucht es mindestens 30 Minuten, um die – natürlich proprietäre – Software zu installieren. Das heißt dann im Installations-Dialog der Einfachheit halber: „Parkplatzsuche“. Nach dem Start des Portals braucht es mindestens 10 Minuten Wartezeit für das Suchen einer fachkundigen Verkäuferin. Dann braucht es mindestens anderthalb Stunden Wartezeit für die ersten wichtigen Informationen zu den gewünschten Sachen: „Die Größe ist nicht da, kommen Sie nächste Woche bitte wieder!“ Die Preise sind grundsätzlich zu hoch, es gibt pro Tag nur fünf neue Sachen zur Auswahl. Das Portal schließt werktags um 17.58 Uhr und samstags um 11.53 Uhr. Und am Sonntag können dort nur User mit IP-Adresse aus einem deutschen Ostseebad shoppen.

Techniktagebuch aus dem Jahr 1999: Der Kassettenadapter

Dieser Text entstand vor allem für das großartige Techniktagebuch. Dort schreiben viele Menschen, die sich ab und an über das ganze Gedöns mit Knöpfchen, Reglern und Schaltern wundern, alles auf, was im Moment vielleicht langweilig sein mag. „Aber in zwanzig Jahren …“
Gut, dass es das gibt.
(Und der Text geht da ein bisschen anders.)

Wenn ich meine Kinder erstaunen möchte, was mit ihrem (und meinem) Alter zunehmend schwieriger wird, hole ich ein Technik-Ding aus einer Kiste von Technik-Dingen, die ich eigentlich mal wegschmeißen müsste. Neulich war es dieser Kassettenadapter:

Kassettenadapter

Papa, was ist das? Sieht aus wie eine Kassette (ja, habe ich ihnen schon beigebracht, gezeigt und vorgeführt), hat aber noch ein Kabel nebst Stecker dran. Wozu?

Weil, liebe Kinder, früher die Autos Kassettenabspielgeräte statt eines Bluetooth-Sensors oder USB-Eingangs hatten. Und in der Zeit, wo dann die CDs modern wurden, die Autos aber noch keine CD-Player besaßen, war dies die goldene Lösung. Man musste einen tragbaren CD-Spieler kaufen, diesen mit dem Kabel des Kassettenadapters verbinden und jenen ins Kassettenfach des Autoradios stecken. Dann konnte man auch ohne CD-Spieler im Auto eine CD hören.

Es sei denn Kopfsteinpflaster.

Oder Akku aus.

Ach …

Technik in der Gastronomie, jetzt neu: Blinkbrummdingse und Anzeigetafel

Coffee Bubbles

Die Technik hat unsere Wohnzimmer erobert, unsere Klassenzimmer, die Fußgängerzonen, die Busse und Bahnen. Jetzt ist eine weitere Bastion fällig.

Denn du kannst noch zu Fuß in ein Restaurant gehen, deinen gebratenen Tollensehecht und das Gläschen Riesling von einer Speisekarte auswählen und anschließend bar bezahlen, alles noch recht stromfrei also. Zwei Mal innerhalb kurzer Zeit bin ich jetzt aber bei uns über komisches Gastro-Tech-Zeugs gestolpert, das irgendwie aus den Gegenden mit den vielen Menschen hierhergeschwappt sein muss.

– – –

Da sitze ich Nachmittag in einem Bäckerei-Café und will eine Tasse Kaffee trinken. Vor mir vier Kaffeeklatschtanten, die irritiert sind. Denn seit ein paar Tagen herrscht hier „Selbstbedienung“, und die geht so: Mit der Bestellung bekommt man ein quadratisches, handtellergroßes flaches Plastedings, das anfängt zu summen und zu blinken, sobald alles fertig ist. „Na gut“, sagt eine Klatschtante, „brauchen wir wenigstens kein Trinkgeld bezahlen.“ Alle lachen, auch die drei Backwarenverkäuferinnen, die gerade im Dienst sind.

Ich bin an der Reihe, bezahle meine Tasse Kaffee und setze mich mit dem Blinkbrummdings an meinen Tisch. Kaum habe ich meine Jacke ausgezogen und es mir bequem gemacht, blinkt und brummt es. Ich wische und drücke und schüttele, aber das Blinkbrummdings blinkbrummt munter weiter. Ich sehe, dass eine Verkäuferin hinter dem Tresen, der etwa drei Armlängen von meinem Tisch steht, meine Tasse Kaffee fertig hat. Ich stehe auf, um sie mir abzuholen und das Gerät endlich loszuwerden, das langsam anfängt zu nerven. Auf halbem Wege, also etwa nach zweieinhalb Schritten, kommt mir die Verkäuferin entgegen und übergibt mir meinen Kaffee.

Ich fasse zusammen: Anstatt mir eine Tasse Kaffee zu machen und mir mit zehn Schritten an den Tisch zu bringen oder mich wahlweise mit einem galanten „die Tasse Kaffee?!“ (mehr Freundlichkeit würde in der Region komisch wirken) auf den Produktionsschluss des Produkts hinzuweisen, auf dass ich dann die zehn Schritte gehe, zieht es die Bäckerei vor, den Kunden ein Blinkbrummdings in die Hand zu drücken, das er dann wieder am Tresen abgibt, wenn der Kaffee fertig ist. Gespart haben die Verkäuferinnen bei dieser Prozedur das galante „die Tasse Kaffee?!“, dafür rennen die Kunden mit Blinkbrummdingern durch den Laden.

Die Klatschtanten sind höchst belustigt ob der vier Mini-Ufos auf ihrem Tisch. Beim Tortenabholen sagt eine: „Früher war es aber irgendwie besser“, und die Verkäuferin weist pflichtbewusst auf die Vorteile hin, wenn’s denn mal richtig voll ist.

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Zweite Station: der neue Burgerkult in Neubrandenburg. War ziemlich lecker dort, es geht doch weniges nur über frisch gebratenes Fleisch. Um an das gute Stück zu gelangen, musste ich allerdings eine Nummer ziehen, auf einer Anzeigetafel werden dann die fertigen Nummern angezeigt. Wieder sitze ich etwa drei Meter vom Tresen entfernt, um die Anzeigetafel zu erkennen, muss ich aufstehen und an den Tresen gehen. Als mein Burger fertig ist, stehe ich also auf, gehe an den Tresen, drehe mich um, erkenne meine Nummer, drehe mich wieder um, gebe den Nummernzettel ab, nehme meinen Burgerteller und setze mich wieder.

Ja, wenn der Laden voll ist, werden Anzeigetafel und Blinkbrummgeräte die Effizienz der Gästerverköstigung um mindestens 17 Prozent erhöhen, da bin ich mir sicher. Wenn der Laden leer ist – und wir sind hier nun mal in Mecklenburg-Vorpommern und haben Erfahrung mit nicht-vollen Läden –, dann sorgt das alles mindestens für Erheiterung.

– – –

Und mir fällt auf, dass das Arbeitsamt-Konzept „Nummern ziehen feat. Anzeigetafel“ ausgeweitet werden sollte. Statt „der Nächste, bitte!“, unmissverständlich von Schwester Monika ins Wartezimmer trompetet, könnte die jetzt zu behandelnde Nummer 381 auf der Tafel auch gleich sehen, in welchem Behandlungszimmer sie jetzt noch eine halbe Stunde halbnackt auf den Arzt warten darf.

Auch in der Schule könnte eine Anzeigetafel für ordentlich Ruhe sorgen. Statt des hektischen Meldens könnten die Wissbegierigen mit ihrem Handy (das dann auch nicht mehr ständig eingezogen werden müsste) ihr „Ich weiß was!“ per Knopfdruck kund tun. Der Lehrer ruft nur kurz „217!“, denn wer kann sich schon alle Namen merken?, und Ben „217“ Müller legt los.

In der Geburtsklinik sollte eine Anzeigetafel den diensthabenden Hebammen signalisieren können, welches Baby denn mit welcher Wahrscheinlichkeit als nächstes zu schlüpfen gedenkt; das ständige am-Bett-rumsitzen nervöse-Väter-betüttern fiele dann flach. Im Supermarkt: nur noch eine Schlange an der Kasse, Nummern ziehen, Anzeigetafel! Beim Familienessen: Per Touchpanel können die Eltern festlegen und signalisieren, welches Kind als nächstes die Erlebnisse des Tages referieren darf.

Hach, die Welt braucht viel mehr Struktur, Reihenfolge, Ordnung. Sie braucht mehr Signalgeräte und Anzeigetafeln! Patriotische Europäer gegen die Individualisierung des Abendlandes!

Denn individuell ist ineffizient.

Unterwegs mal schnell eine Adresse suchen, 1983er-Version

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Ich möchte gar nicht wissen, wie viel Benzin in den Achtzigern draufgegangen ist, weil Vergessliche mit einem großen Freundeskreis permanent kiloweise Telefonbücher durch die Gegend gefahren haben. Na gut, irgendwann sind wir soweit und chauffieren dann eben kiloweise Medienserver mit unseren nachhaltigen Hybridkarren. Alles fließt.

Aus: „Reißverschluß & Rotweinfleck. 999 neue praktische und ungewöhnliche Haushaltstips“, Mary Ellen, Delphin Verlag, München, Zürich, 1983.

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