Die Spaßbad-Chroniken V – Die Gastronomie

„Spaßbad“ ist ja auch so ein Begriff …
… und das geschah bisher: Teil I, Teil II, Teil III, Teil IV

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Foto: Götz A. Primke via Flickr unter CC-Lizenz by-sa

Auf Dauer ist so ein Spaßbad anstrengend. Und das wissen die listigen Spaßbadbetreiber nur zu genau. Was liegt also näher, als die derart vorgeschwächten Spaßbader mit einem praktischen Imbiss gleich an Ort und Stelle an die Glutamattröge zu locken? Ein paar Pommes hier, ein Schnitzelchen da, ein Backfisch dazu, na, Appetit bekommen?

Ein Anfängerfehler! Halbnackt und in nächster Sichtweite etlicher anderer Halbnackter überteuertes und lauwarmes Industriefutter zu verdrücken ist nichts, womit ein Mensch irgendwann mal vor irgendwem mal noch prahlen kann. Allein die Bequemlichkeit ist es, die die Massen an die Mampfinseln holt. Und da eine extra dafür ausgebildete GSG-9-Einheit am Eingang alle ess- und trinkbaren Gegenstände konfisziert hat, bleibt für die des professionellen Lebensmittel-Schmuggelns Unkundigen nur der Gang zum Spaßbad-Imbiss.

So legt sich zur Mittagszeit ein filigraner Film aus Frittenfett über die Szenerie. Gegen eins verstopfen erste Kartoffelspalten die Whirlpooldüsen, gegen zwei ist man trotz größter Vorsicht dann doch in die ausgeplemperte Fanta gestapft, und spätestens um drei heißt es unten an der Rutschen-Kinderabholstelle nur noch „Kind, Kind, Kind, Currywurststückchen, Kind, Kind, Kind, Currywurststückchen, Kind, …“

Guten Appetit!

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Es folgt eine Fortsetzung.

Technik in der Gastronomie, jetzt neu: Blinkbrummdingse und Anzeigetafel

Coffee Bubbles

Die Technik hat unsere Wohnzimmer erobert, unsere Klassenzimmer, die Fußgängerzonen, die Busse und Bahnen. Jetzt ist eine weitere Bastion fällig.

Denn du kannst noch zu Fuß in ein Restaurant gehen, deinen gebratenen Tollensehecht und das Gläschen Riesling von einer Speisekarte auswählen und anschließend bar bezahlen, alles noch recht stromfrei also. Zwei Mal innerhalb kurzer Zeit bin ich jetzt aber bei uns über komisches Gastro-Tech-Zeugs gestolpert, das irgendwie aus den Gegenden mit den vielen Menschen hierhergeschwappt sein muss.

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Da sitze ich Nachmittag in einem Bäckerei-Café und will eine Tasse Kaffee trinken. Vor mir vier Kaffeeklatschtanten, die irritiert sind. Denn seit ein paar Tagen herrscht hier „Selbstbedienung“, und die geht so: Mit der Bestellung bekommt man ein quadratisches, handtellergroßes flaches Plastedings, das anfängt zu summen und zu blinken, sobald alles fertig ist. „Na gut“, sagt eine Klatschtante, „brauchen wir wenigstens kein Trinkgeld bezahlen.“ Alle lachen, auch die drei Backwarenverkäuferinnen, die gerade im Dienst sind.

Ich bin an der Reihe, bezahle meine Tasse Kaffee und setze mich mit dem Blinkbrummdings an meinen Tisch. Kaum habe ich meine Jacke ausgezogen und es mir bequem gemacht, blinkt und brummt es. Ich wische und drücke und schüttele, aber das Blinkbrummdings blinkbrummt munter weiter. Ich sehe, dass eine Verkäuferin hinter dem Tresen, der etwa drei Armlängen von meinem Tisch steht, meine Tasse Kaffee fertig hat. Ich stehe auf, um sie mir abzuholen und das Gerät endlich loszuwerden, das langsam anfängt zu nerven. Auf halbem Wege, also etwa nach zweieinhalb Schritten, kommt mir die Verkäuferin entgegen und übergibt mir meinen Kaffee.

Ich fasse zusammen: Anstatt mir eine Tasse Kaffee zu machen und mir mit zehn Schritten an den Tisch zu bringen oder mich wahlweise mit einem galanten „die Tasse Kaffee?!“ (mehr Freundlichkeit würde in der Region komisch wirken) auf den Produktionsschluss des Produkts hinzuweisen, auf dass ich dann die zehn Schritte gehe, zieht es die Bäckerei vor, den Kunden ein Blinkbrummdings in die Hand zu drücken, das er dann wieder am Tresen abgibt, wenn der Kaffee fertig ist. Gespart haben die Verkäuferinnen bei dieser Prozedur das galante „die Tasse Kaffee?!“, dafür rennen die Kunden mit Blinkbrummdingern durch den Laden.

Die Klatschtanten sind höchst belustigt ob der vier Mini-Ufos auf ihrem Tisch. Beim Tortenabholen sagt eine: „Früher war es aber irgendwie besser“, und die Verkäuferin weist pflichtbewusst auf die Vorteile hin, wenn’s denn mal richtig voll ist.

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Zweite Station: der neue Burgerkult in Neubrandenburg. War ziemlich lecker dort, es geht doch weniges nur über frisch gebratenes Fleisch. Um an das gute Stück zu gelangen, musste ich allerdings eine Nummer ziehen, auf einer Anzeigetafel werden dann die fertigen Nummern angezeigt. Wieder sitze ich etwa drei Meter vom Tresen entfernt, um die Anzeigetafel zu erkennen, muss ich aufstehen und an den Tresen gehen. Als mein Burger fertig ist, stehe ich also auf, gehe an den Tresen, drehe mich um, erkenne meine Nummer, drehe mich wieder um, gebe den Nummernzettel ab, nehme meinen Burgerteller und setze mich wieder.

Ja, wenn der Laden voll ist, werden Anzeigetafel und Blinkbrummgeräte die Effizienz der Gästerverköstigung um mindestens 17 Prozent erhöhen, da bin ich mir sicher. Wenn der Laden leer ist – und wir sind hier nun mal in Mecklenburg-Vorpommern und haben Erfahrung mit nicht-vollen Läden –, dann sorgt das alles mindestens für Erheiterung.

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Und mir fällt auf, dass das Arbeitsamt-Konzept „Nummern ziehen feat. Anzeigetafel“ ausgeweitet werden sollte. Statt „der Nächste, bitte!“, unmissverständlich von Schwester Monika ins Wartezimmer trompetet, könnte die jetzt zu behandelnde Nummer 381 auf der Tafel auch gleich sehen, in welchem Behandlungszimmer sie jetzt noch eine halbe Stunde halbnackt auf den Arzt warten darf.

Auch in der Schule könnte eine Anzeigetafel für ordentlich Ruhe sorgen. Statt des hektischen Meldens könnten die Wissbegierigen mit ihrem Handy (das dann auch nicht mehr ständig eingezogen werden müsste) ihr „Ich weiß was!“ per Knopfdruck kund tun. Der Lehrer ruft nur kurz „217!“, denn wer kann sich schon alle Namen merken?, und Ben „217“ Müller legt los.

In der Geburtsklinik sollte eine Anzeigetafel den diensthabenden Hebammen signalisieren können, welches Baby denn mit welcher Wahrscheinlichkeit als nächstes zu schlüpfen gedenkt; das ständige am-Bett-rumsitzen nervöse-Väter-betüttern fiele dann flach. Im Supermarkt: nur noch eine Schlange an der Kasse, Nummern ziehen, Anzeigetafel! Beim Familienessen: Per Touchpanel können die Eltern festlegen und signalisieren, welches Kind als nächstes die Erlebnisse des Tages referieren darf.

Hach, die Welt braucht viel mehr Struktur, Reihenfolge, Ordnung. Sie braucht mehr Signalgeräte und Anzeigetafeln! Patriotische Europäer gegen die Individualisierung des Abendlandes!

Denn individuell ist ineffizient.

Zum Fischerhof, Neustrelitz: Nie wieder!

Die kurze Version: Wir waren jetzt zweimal im Neustrelitzer Bistro „Zum Fischerhof“ essen und können das beim besten Willen niemandem empfehlen.

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Seit einigen Jahren nutzen wir als fünfköpfige Familie das gastronomische Angebot der Region recht ausgiebig. Das Essen, die Atmosphäre und die Bedienung variieren, es gibt ein paar Favoriten und auch einige schlechte Erfahrungen, die wir im Laufe der Zeit gemacht haben. Hat eben jeder so seinen Geschmack. Aber was wir in diesen Sommerferien erlebt haben, ist eine gänzlich neue Ebene.

Ende Juli, Mittagszeit. Zusammen mit der Schwagerfamilie kommen wir aus der Seenplatte im Hafen von Neustrelitz an. Wir wollen im Bistro „Zum Fischerhof“ essen, Fisch, Draußensitzen direkt am See, eben etwas Unkompliziertes mit einem Dutzend Kinder nach einer Autofahrt. Es gibt keine Karte, bestellt wird am Tresen, gleich dahinter schmurgelt schon lecker Fisch in der Pfanne. Vier Erwachsene und fünf Kinder stehen dort und suchen sich ein Gericht und Getränke aus.

Dann bestellen wir. Das ist allerdings ein Problem. „Nicht so schnell! Erst das Essen, dann das Trinken. Das ist so viel, da komme ich doch sonst durcheinander!“ Dazu ein Ton, passend zu den Worten. Fast möchte man sich entschuldigen, hier Geld ausgeben zu wollen. Wir sitzen dann gut und essen gut – und kommen wieder.

Ende August, Mittagszeit. Zusammen mit der Schwagerfamilie kommen wir aus Neubrandenburg im Hafen von Neustrelitz an. Wir wollen im Bistro „Zum Fischerhof“ essen, Fisch, Draußensitzen direkt am See, eben etwas Unkompliziertes mit einem Dutzend Kinder nach einer Autofahrt. Es gibt keine Karte, bestellt wird am Tresen, gleich dahinter schmurgelt schon lecker Fisch in der Pfanne. Vier Erwachsene und fünf Kinder stehen dort und suchen sich ein Gericht und Getränke aus.

Dieses Mal sind wir schon vor dem Bestellen ein Problem. „NICHT SO LAUT! Ich nehme gerade eine Bestellung auf! Man versteht ja sein eigenes WORT NICHT MEHR!“ Was wir getan hatten: Wir hatten versucht, die Bestellung zwecks Vereinfachung vor dem eigentlichen Bestellvorgang schon vorzubündeln. Das erfordert Kommunikation in einer gewissen Lautstärke, weil allein die schmurgelnden Pfannen schon ordentlich laut sind.

Die anschließende Frage nach einem vielleicht etwas höflicheren Umgangston wird mit einem beleidigten „Sie brauchen mir doch hier keine Benimmregeln beibringen!“ quittiert, beim Bestellen kommen außerdem ein mittellang-genervtes Kopfschütteln sowie ein halbes Augenrollen zur Aufführung. Höhepunkt des Stücks ist der Ausruf „Sie sehen doch selbst, was hier los ist!“. Wir können uns ob des gut gefüllten Bistros mitfühlende Beileidsbekundungen gerade noch so verkneifen und sitzen dann gut und essen gut – und wollen gehen.

Doch es kommt zum Showdown am Fischerbistro. Fälschlicherweise nehmen wir nämlich unabsichtlich die leergetrunkenen Colaflaschen mit. Das bekommt eine Angestellte mit: Sie stellt Charlotte zur Rede, die zwar eine der Flaschen hält, aber nun wirklich keine Schuld trifft. „Kannst du denn das Schild nicht lesen? Tausend Mal am Tag müssen wir das sagen!“ Und das ist dann genau der Moment, in dem ein Fass überläuft.

Denn sowohl der Hinweis auf eine mögliche Änderung der vorherrschenden schilderbasierten Pfandpraxis aufgrund offensichtlich regelmäßiger Missverständnisse als auch die Beschwerden über die – und das ist jetzt wirklich sehr höflich formuliert – wiederholt äußerst ruppige Ansprache von zahlenden Gästen produziert nur weitere Beleidigungen. Kein Einlenken, kein Beruhigen, kein Einsehen, keine Entschuldigung. Stattdessen nur Stress und Schimpfe.

Der Fischerhof ist kein Sternerestaurant, ja, und ich bin auch nicht sonderlich zimperlich, wenn woanders mal ein etwas anderer Ton herrscht. Aber dreimal Mecker kriegen bei zwei Besuchen geht mir dann auch zu weit. Zumal das offenbar auch kein Zufall gewesen ist, wie eine Rezension bei Yelp zeigt:

Griesgrämige Bedienung und sehr lange Wartezeiten. Gäste werden regelmäßig angeschnauzt.

Denn gerade, wenn man mit Kindern unterwegs ist, lässt man sich nur sehr ungern so behandeln, wie man es in der Familie ja versucht eben nicht zu tun: Probleme lösen durch Anschnauzen.